Asbest erkennen: kann man das aus dem Foto sehen?
Wir haben fünf Proben aus dem Burgenland im Labor analysieren lassen. Rate zuerst selbst: welches Gestein, welche Asbest-Mineralien, wie viel Prozent. Danach zeigen wir, was das Labor gefunden hat. Das Ergebnis vorweg: aus einem Foto allein lässt sich das nicht beantworten. Genau das ist der Punkt.
Deine Tipps, im Vergleich zu allen Tippenden
Du hast alle fünf Proben getippt. Die folgende Übersicht zeigt deine Tipps neben den aggregierten Tipps aller bisher Mitratenden. Die Laborauflösung steht bei jeder Probe direkt auf der Karte.
| Probe | Gestein, du | Gestein, Crowd-Mehrheit | Mineralien, du | Mineralien, Crowd-Top | Asbestgehalt, du | Asbestgehalt, Crowd-Mittel |
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Crowd-Werte werden jeweils nach deiner letzten Tippspeicherung aktualisiert. Mehrheiten und Mittelwerte beruhen auf dem n der bisherigen Tipps; siehe die n-Spalte je Probe.
Auflösung im Detail
Was das Labor gesehen hat
Aus dem Foto war es nicht zu erkennen, unter dem Rasterelektronenmikroskop schon. Hier sind die tatsächlichen Fasern jeder Probe, dazu der Befund. Klick eine Aufnahme an, um in voller Auflösung hineinzuzoomen.
Tremolit, über 50 %. Im Rasterelektronenmikroskop ein dichter Filz aus geraden, steifen Amphibol-Fasern.
Tremolit, über 50 %. Aufspleißende Faserbündel, wie sie für Amphibol-Asbest typisch sind.
Chrysotil, nur Spuren. Die einzige Serpentin-Asbestform: eine einzelne gebogene, biegsame Faser im körnigen Material, die Nadel im Heuhaufen.
Tremolit, über 50 %. Ein dichtes, parallel ausgerichtetes Bündel gerader, prismatischer Nadeln.
Anthophyllit und Tremolit, je 1 bis 5 %. Ein Mischbefund aus zwei Amphibolen, gerade stäbchenförmige Fasern zwischen Mineralkörnern.
Was ist Asbest, und warum gerade im Burgenland?
Asbest ist ein Sammelbegriff für sechs faserig kristallisierende Mineralien: Chrysotil (Serpentin-Gruppe) sowie Aktinolith, Tremolit, Anthophyllit, Amosit und Krokydolith (alle Amphibole). Eingeatmet, lagern sich die feinen, kaum abbaubaren Fasern dauerhaft im Lungengewebe ab. Nach einer langen Latenzzeit von oft 20 bis 40 Jahren können daraus Pleuraplaques, Lungenkrebs und das meist tödliche Mesotheliom entstehen. Es gibt keinen sicheren Grenzwert; das Risiko ist linear mit der kumulierten Faserdosis.
Die meisten Menschen denken bei Asbest an Industrieprodukte: Eternit-Platten, alte Bodenkleber, Dichtungen. Im Burgenland gibt es aber zusätzlich ein natürliches Vorkommen. Im sogenannten Rechnitzer Fenster, einer geologischen Struktur an der österreichisch-ungarischen Grenze, tritt unter den Decken der Ostalpen ein Streifen metamorpher Gesteine an die Oberfläche. Darunter Serpentinit: ein dunkelgrünes Gestein, das aus den Erdmantel-Mineralen Olivin und Pyroxen entstanden ist und in seinen Klüften Chrysotil-Adern enthalten kann. In direkter Nachbarschaft kommen Amphibol-haltige Gesteine vor, deren Faserformen Aktinolith- oder Tremolit-Asbest sind.
Genau dieses Gestein wurde in Steinbrüchen wie Pilgersdorf, Bernstein, Rumpersdorf und Badersdorf gebrochen, zerkleinert und als Streusplitt, Rollsplitt, Schotter und Fräsgut in den Verkehr gebracht. Was sich aus diesem Material nicht ablesen lässt, ist sein Asbestgehalt. Wer das Foto eines Brockens vor sich hat, sieht ein Stück Gestein. Wer das Labormikroskop hat, sieht die Fasern. Den Unterschied kann man nicht erraten, nur messen.
Mineralogie
Zwei Familien, zwei Faserformen
Asbest ist kein einzelnes Mineral, sondern ein Sammelbegriff für zwei mineralogische Familien mit unterschiedlicher Kristallstruktur und sichtbar unterschiedlicher Faserform: die Serpentin-Gruppe mit Chrysotil und die Amphibole, im Burgenland vor allem Tremolit, Aktinolith und Anthophyllit.
Serpentin: Chrysotil Schichtsilikat · Mg₃Si₂O₅(OH)₄
Chrysotil ist das einzige Asbest-Mineral der Serpentin-Gruppe. Seine Schichten sind gekrümmt und rollen sich zu feinen Röhrchen auf. Genau diese Krümmung macht aus dem Schichtsilikat eine biegsame, gewellte Faser, die asbestiforme Form des Serpentins, industriell als „Weißer Asbest" bekannt.
Quelle: Evans (2004), zusammengefasst in unserem Geologie-Beitrag.Amphibole: Tremolit, Aktinolith, Anthophyllit andere Mineralfamilie · gerade Nadeln
Die Amphibol-Asbeste, im Burgenland vor allem Tremolit, Aktinolith und Anthophyllit, bilden eine andere Mineralfamilie. Sie wachsen nicht gewellt, sondern als gerade, steife, prismatische Nadeln. Unter dem Rasterelektronenmikroskop erscheinen sie als gerade Nadeln, die an den Enden in feinere Fibrillen aufspleißen, deutlich anders als die gewellten Chrysotil-Fasern.
Quellen: Van Gosen und Clinkenbeard (2011); Koller (1985), zusammengefasst im Geologie-Beitrag; REM-Aufnahmen: CRB Analyse Service GmbH (Prüfbericht 26-07931).Fasern beider Familien erfüllen, wenn sie fein genug sind, die WHO-Fasergeometrie (Länge über 5 µm, Durchmesser unter 3 µm, Verhältnis über 3:1) und gelten dann als lungengängig. Amphibol-Asbeste gelten epidemiologisch als potenter als Chrysotil; die Datenlage und ihre Grenzen ordnen wir auf der Normen-Seite (Abschnitt 5) ein. Wie Asbest in Serpentinit überhaupt entsteht, steht ausführlich im Geologie-Beitrag.
Im Bild markiert
Gleiches Wort, zwei Formen
Dieselben REM-Aufnahmen wie oben, diesmal beschriftet: links die geraden, steifen Nadeln eines Amphibols (Tremolit, Probe 004), rechts die einzelne gebogene Faser des Serpentins (Chrysotil, Probe 003). Schalte die Beschriftung ein.
Beide sind Asbest, aber die Form trennt die Familien: Amphibole wachsen als gerade, steife Nadeln, Chrysotil als gebogene, biegsame Faser. Fein genug, erfüllen beide die WHO-Fasergeometrie (Länge über 5 µm, Durchmesser unter 3 µm, Verhältnis über 3:1) und gelten als lungengängig. Mehr dazu im Geologie-Beitrag und auf der Normen-Seite.
REM-Aufnahmen: CRB Analyse Service GmbH, Prüfbericht 26-07931.Größenvergleich
Wie klein ist eine WHO-Faser?
Die gefährlichen Fasern sind mit bloßem Auge unsichtbar. Maßstabsgetreu, von oben nach unten: ein menschliches Haar, der Feinstaub PM10 und der Durchmesser einer WHO-Faser. Tippe einen Balken an.
Über die Breite eines durchschnittlichen Haares (etwa 70 µm) passen mehr als 20 WHO-Faser-Durchmesser nebeneinander.
Methode: EDX
Der elementare Fingerabdruck
Im Rasterelektronenmikroskop verrät die Form, dass eine Faser vorliegt. Welches Mineral es ist, zeigt die Elementanalyse (EDX): jedes Mineral hinterlässt einen charakteristischen Satz von Röntgen-Linien. So unterscheidet das Labor die Asbest-Familien. Wähle ein Spektrum und tippe die Peaks an.
Tipp: über einen Peak fahren oder ihn antippen, um das Element zu sehen.
Lesehilfe: Calcium (3,7 keV) markiert Tremolit, Eisen (6,4 keV) Anthophyllit; Chrysotil ist magnesiumreich und calciumfrei. Der Gold-Peak (Au) stammt von der dünnen Sputter-Beschichtung, die die Probe im REM leitfähig macht, und gehört nicht zum Mineral. Wie das Labor Fasern zählt und einordnet, steht auf der Normen-Seite.
Quelle: CRB Analyse Service GmbH, Prüfbericht 26-07931, sechs Messpunkte (Spektren ES1–ES6). Die Diagramme sind aus den gemessenen Peakhöhen neu gezeichnet; die Höhen sind je Spektrum relativ.Mini-Spiel
Erkennst du das Mineral am Fingerabdruck?
Du hast die drei Signaturen gesehen. Jetzt umgekehrt: hier ist ein Spektrum, welches Mineral steckt dahinter? Achte auf Calcium (Tremolit), Eisen (Anthophyllit) oder magnesiumreich und calciumfrei (Chrysotil).
Probenvorbereitung
Vom Brocken zum Bild
Wie wird aus einem Stück Straßenschotter ein Befund? Die Probe wird zerkleinert, als dünnes Streupräparat auf einen Träger gebracht und im Rasterelektronenmikroskop abgebildet und per EDX analysiert. Diese vier Aufnahmen zeigen die Vorbereitung im Labor.
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Eine Burgenland-Probe, ein grau-grüner Gesteinsbrocken, neben der Bühne mit den Kohlenstoff-Probenträgern. -
Das lose Probenmaterial neben dem Brocken, bereit zum Zerkleinern. -
Zerkleinern im Achatmörser zu feinem Pulver. -
Aufbringen als Streupräparat auf die Probenträger. Danach folgt die Aufnahme im Rasterelektronenmikroskop.
Videos
Asbest im Gelände
Mag. Julia Stipsits dokumentiert die Asbest-Funde im Burgenland direkt vor Ort. Hier eines ihrer Videos; weitere Aufnahmen aus Wald und Weg folgen, ebenso kurze REM-Zoom-Clips in die Fasern hinein.
Bildnachweis und Dank
Die Probenfotos auf dieser Seite stammen von Mag. Julia Stipsits, die mit ihren Social-Media-Kanälen wesentliche Aufklärungsarbeit zur Asbest-Problematik im Burgenland leistet. Wir danken ihr für die Bereitstellung der Bilder und ihre Aufklärungsarbeit vor Ort.
Instagram: @MissJulsi · TikTok: @MissJulsi
Stand: 18. Juni 2026. Diese Seite wurde überarbeitet: die Laborergebnisse (CRB Analyse Service GmbH, Prüfbericht 26-07931) sind veröffentlicht, dazu REM- und EDX-Aufnahmen, ein Größenvergleich und interaktive Erklärstücke. Das Schätzspiel zeigt nun die fünf im Labor gemessenen Proben.
📄 Prüfbericht 26-07931 herunterladen (PDF, 8 Seiten). CRB Analyse Service GmbH, DAkkS-akkreditiert, Methode VDI 3866 Blatt 5.