Blei ist ein chemisches Chamäleon. Es ähnelt dem Calcium so weit, dass der Körper es einschleust, als wäre es ein Nährstoff, und genau dort, wo Calcium gebraucht wird, im Nervensystem und in den Knochen, richtet es Schaden an. An der ETH Zürich haben wir Bleiisotope als geologische Uhren genutzt: Das Verhältnis der Blei-Isotope verrät das Alter eines Gesteins. Dieselbe Analytik beantwortet im Gebäude eine andere Frage, nämlich ob in Anstrichen, Rohren und Staub Blei steckt.
Wo Blei in Gebäuden steckt
Drei Quellen sind typisch, vor allem in Gebäuden bis in die 1970er-Jahre:
- Bleifarben: Bleiweiß (Bleicarbonat) in hellen Anstrichen, Bleimennige (orange) als Rostschutz auf Metall, Bleichromat in gelben und grünen Tönen. In Gründerzeit- und Jugendstilbauten liegen sie oft unter mehreren neueren Schichten. Intakt sind sie unproblematisch; kritisch wird es, wenn sie abblättern oder bei Arbeiten Staub entsteht.
- Bleileitungen: Wasserrohre aus Blei wurden in Österreich bis in die frühen 1970er verbaut und finden sich in Altbauten in Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck noch regelmäßig.
- Bleistaub: die unterschätzte Quelle. Verwitternde Bleifarbe erzeugt feinen Staub, der sich auf Fensterbänken, Böden und in Ritzen anreichert, besonders relevant in Haushalten mit kleinen Kindern.
Warum Blei gefährlich ist
Blei ist ein Nervengift. Es stört die Signalübertragung und die Entwicklung des Gehirns. Babys und Kinder unter etwa sechs Jahren sind am stärksten betroffen, weil ihr Nervensystem noch in der Entwicklung ist und sie einen deutlich höheren Anteil des aufgenommenen Bleis in den Körper übernehmen als Erwachsene; beschrieben sind Beeinträchtigungen von Intelligenz, Aufmerksamkeit und Verhalten. Bei Erwachsenen stehen Bluthochdruck und Nierenschäden im Vordergrund. Einen sicheren Schwellenwert gibt es nach Einschätzung der WHO nicht: Auch geringe Mengen gelten als schädlich. Die IARC der WHO stuft anorganische Bleiverbindungen als wahrscheinlich krebserregend ein (Gruppe 2A), metallisches Blei als möglicherweise krebserregend (Gruppe 2B).
Bleileitungen erkennen
Ein Bleirohr lässt sich an mehreren Merkmalen optisch ansprechen: Es ist grau und matt, weich (ein Schlüssel hinterlässt leicht eine Kerbe, ein frischer Kratzer schimmert silbrig), klingt beim Anklopfen dumpf, ist nicht magnetisch, und die Verbindungsstellen sind wulstig verlötet statt verschraubt. Am ehesten findet man solche Leitungen am Hausanschluss im Keller, an den Steigleitungen und auf den letzten Metern unter Spüle oder Waschtisch. Wichtig: Das ist nur die optische Ansprache. Wie viel Blei tatsächlich ins Wasser übergeht, sagt erst eine Analyse.
Wie man Blei sicher feststellt
Mit bloßem Auge ist der Bleigehalt von Farbe, Putz oder Staub nicht zu beurteilen. Die belastbare Methode ist die Laboranalyse durch ein akkreditiertes Labor. Beim Trinkwasser wird dazu eine Stagnationsprobe untersucht, also Wasser, das nach einer definierten Standzeit entnommen wird, weil die Bleikonzentration nach längerem Stehen am höchsten ist. Bei Farbe, Putz und Lötstellen werden Materialproben schichtweise ausgewertet, bei Staub Wischproben. Von der Probenahme in Eigenregie ist abzuraten, besonders bei Bleifarbe: Wer an verdächtigen Anstrichen kratzt oder schleift, erzeugt genau den bleihaltigen Staub, den man vermeiden will. Solche Arbeiten und die Probenahme gehören in fachkundige Hände.
Der rechtliche Rahmen
Die österreichische Trinkwasserverordnung setzt den Bleigrenzwert auf 5 Mikrogramm pro Liter (0,005 mg/L); bis zum 12. Jänner 2036 gilt übergangsweise ein Wert von 10 Mikrogramm pro Liter (0,01 mg/L). Beide Werte setzen die EU-Trinkwasserrichtlinie (EU) 2020/2184 um. Da Bleileitungen schon den Übergangswert nach längerer Stagnation oft nicht einhalten, läuft die Absenkung praktisch auf den Austausch aller Bleileitungen hinaus. Für die fachgerechte Entfernung bleihaltiger Anstriche gelten die einschlägigen Arbeitsschutz- und Schadstoffvorgaben.
Was zu tun ist
- Bleifarbe, intakt: dokumentieren und bei der nächsten Sanierung berücksichtigen. Nicht abschleifen, abflammen oder abbeizen ohne Schutzmaßnahmen. Überstreichen oder Versiegeln (Encapsulation) ist oft die einfachste Lösung.
- Bleifarbe, abblätternd, mit Kindern im Haushalt: Handlungsbedarf. Fachgerechte Entfernung oder Versiegelung durch eine Spezialfirma.
- Bleileitungen: Austausch ist die einzige dauerhafte Lösung; Filter und Beschichtungen lösen das Problem nicht. Bis dahin gelten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen: das Wasser vor der Nutzung ablaufen lassen, nur kaltes Wasser zum Kochen und Trinken verwenden (warmes löst mehr Blei), und kein Wasser aus Bleileitungen für Babynahrung.
- Bleistaub: feucht aufwischen statt fegen (Fegen verteilt den Staub), und die Quelle beseitigen.
Blei ist nicht der einzige unsichtbare Schadstoff im Altbau. Auch Radon lässt sich weder sehen noch riechen, und in Gebäuden vor 1990 lohnt der Blick auf Asbest.
Quellen
- Trinkwasserverordnung (RIS): ris.bka.gv.at; EU-Trinkwasserrichtlinie (EU) 2020/2184
- WHO, Blei und Gesundheit (keine sichere Schwelle, Gefährdung von Kindern); IARC (Monograph Vol. 87), anorganische Bleiverbindungen Gruppe 2A, metallisches Blei Gruppe 2B
- Umweltbundesamt (DE), „Blei im Trinkwasser ist gesundheitsgefährdend" (Schädigung des kindlichen Nervensystems, Beeinträchtigung von Blutbildung und Intelligenzentwicklung, schädlich schon in sehr niedrigen Aufnahmemengen): umweltbundesamt.de
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