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Hintergrund Von Dr. Maximilian Mandl 4 Min. Lesezeit

Eternit: die Geschichte eines Ewigkeitsversprechens

Wie ein oberösterreichischer Papierfabrikant um 1900 den Asbestzement erfand, ihn nach der Ewigkeit benannte und damit ein Baumaterial schuf, das die Welt eroberte, und seine Folgen bis heute trägt.

Der Name war ein Versprechen. „Eternit", abgeleitet vom lateinischen aeternitas, der Ewigkeit, sollte für ein Baumaterial stehen, das nicht verrottet, nicht brennt, nicht vergeht. Hundert Jahre später hat sich das Versprechen auf eine Weise erfüllt, die niemand gemeint hatte: Der Stoff im Material, Asbest, ist tatsächlich praktisch unvergänglich, und seine Folgen reichen bis in die Gegenwart.

Die Erfindung

1893 kaufte der oberösterreichische Unternehmer Ludwig Hatschek (1856 bis 1914) eine stillgelegte Papiermühle in Schöndorf bei Vöcklabruck und gründete dort die „Erste österreichisch-ungarische Asbestwarenfabrik". In den Jahren bis 1900 suchte er nach einem Weg, aus Asbestfasern und einem Bindemittel haltbare, frostfeste Dachplatten maschinell herzustellen. Das Ergebnis ist als Hatschek-Verfahren bekannt: fein aufgeschlossene Asbestfasern werden mit Portlandzement und Wasser zu einem dünnen, festen Faserzement verarbeitet. Die ursprüngliche Rezeptur bestand zu rund 90 Prozent aus Zement und zu rund 10 Prozent aus Asbest.

1900 meldete Hatschek sein Verfahren zum Patent an; das österreichische Patent Nr. 5970 wurde ihm am 15. Juni 1901 erteilt. Den Markennamen Eternit gab er dem Produkt 1903. Die Idee war bestechend: ein Werkstoff so formbar wie Pappe, so fest wie Stein, unbrennbar, witterungsbeständig und billig.

Der Siegeszug

Das Material eroberte die Welt in einem Jahrzehnt. Bis etwa 1910 entstanden Eternit-Werke in Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Portugal, Italien, Großbritannien, Schweden, Dänemark, Rumänien, Russland, den USA und Kanada. Asbestzement wurde zum Material der Moderne: Wellplatten auf Dächern und Fassaden, Fensterbänke, Blumentröge, vor allem aber Rohre, ganze Wasserleitungsnetze wurden aus Asbestzement gebaut. Wer im 20. Jahrhundert ein Dach oder eine Leitung brauchte, griff oft zu Eternit, ohne den Markennamen überhaupt als Marke wahrzunehmen.

Der Preis

Der Haken steckte in jenen 10 Prozent. Asbest im ausgehärteten Faserzement ist fest gebunden: Solange die Platte intakt bleibt, setzt sie kaum Fasern frei. Gefährlich wird es, sobald das Material bearbeitet oder zerstört wird, beim Sägen, Bohren, Schleifen, beim Bruch und über Jahrzehnte durch Verwitterung. Dann lösen sich genau die mikroskopischen Fasern, die in der Lunge Asbestose und Krebs auslösen können, darunter das Pleuramesotheliom, einen Tumor des Rippenfells, der fast ausschließlich durch Asbest entsteht.

In Österreich wurden zwischen 1950 und 1990 jährlich rund 30.000 bis 40.000 Tonnen Asbest verarbeitet, überwiegend Chrysotil (Arbeitsinspektion). In den 1960er- und 1970er-Jahren waren bis zu 3.000 asbesthaltige Produkte im Umlauf, von Dämmstoffen über Bremsbeläge bis zu den Dachplatten und Rohren aus Eternit. Die Tücke liegt in der langen Latenzzeit: Zwischen der Faserbelastung und der Erkrankung liegen oft mehrere Jahrzehnte. Die Zahl der Menschen, die heute an den Folgen früherer Exposition erkranken, steigt deshalb immer noch.

Die Abrechnung

Österreich hat Asbest mit der Asbestverordnung 1990 stark eingeschränkt und ab 1994 weitgehend verboten; erlaubt blieben nur Abbruch- und Sanierungsarbeiten unter strengen Schutzauflagen (Arbeitsinspektion). Dass die Spätfolgen damit nicht erledigt waren, zeigt die Landkarte der Erkrankungen: Beratungsstellen für asbestexponierte Menschen gibt es heute in Wien, Linz, Kapfenberg, Klagenfurt, Innsbruck, und in Vöcklabruck, dort, wo Hatscheks Werk steht. Der Bezirk Vöcklabruck zählt in Österreich zu den Spitzenreitern bei den Mesotheliom-Erkrankungen (Falter 13/2026 unter Verweis auf die Arbeitsinspektion).

Das Hatschek-Verfahren selbst hat überlebt: Faserzementplatten werden bis heute hergestellt, nur ist der Asbest durch unbedenkliche Fasern ersetzt. Die Marke Eternit dagegen, die den Asbestskandal jahrzehntelang überdauert hatte, wird inzwischen aufgegeben (NZZ).

Warum die Geschichte nicht vorbei ist

Eternit ist die Geschichte des industriell zugesetzten Asbests, eines absichtlich hergestellten Werkstoffs. Sie erklärt, warum in fast jedem Gebäude vor 1990 noch asbesthaltige Bausubstanz stecken kann, und warum man sie nicht selbst herausreißt, sondern fachgerecht prüfen und entfernen lässt (mehr dazu: → Asbest erkennen).

Es gibt aber auch den anderen Weg, auf dem dieselbe Faser in Gebäude und Straßen gelangt: natürlich vorkommenden Asbest im Gestein, der als Schotter und Streusplitt verbaut wurde. Das ist die Geschichte, die sich derzeit im Burgenland abspielt (→ Asbest im Burgenland). Zwei verschiedene Wege, dieselbe Faser, dieselbe Krankheit. Das Ewigkeitsversprechen von 1903 wurde eingelöst, nur nicht so, wie es gemeint war.

Quellen

  • Österreichisches Biographisches Lexikon, „Hatschek, Ludwig (1856 bis 1914)": biographien.ac.at
  • OÖ Nachrichten, „Hatscheks Patent für Eternit" (Patent Nr. 5970, 15. Juni 1901)
  • Wikipedia, „Faserzement" / „Eternit-Werke" (Hatschek-Verfahren, Zusammensetzung, Verbreitung)
  • Arbeitsinspektion, „Asbest: Kein Thema der Vergangenheit" (Mengen 1950 bis 1990, Verbot, Gesundheitsfolgen, Beratungsstellen): arbeitsinspektion.gv.at
  • NZZ, „Was der Asbestskandal nicht schaffte: Jetzt verschwindet die Marke Eternit"
  • Falter 13/2026 (Mesotheliom-Verteilung, Bezirk Vöcklabruck), siehe auch Asbest im Burgenland

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