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Schadstoff-Guides Von Dr. Maximilian Mandl 8 Min. Lesezeit

PCB in Fugenmassen: von der Fuge in den Beton

PCB stecken in elastischen Fugenmassen von Beton- und Bürobauten der 1950er- bis 1970er-Jahre. Warum sie krebserzeugend sind, wie sie in Nachbarbauteile wandern, und was die 2025 abgesenkten Richtwerte verlangen.

PCB, die polychlorierten Biphenyle, sind eine Gruppe von 209 synthetischen, chlorierten Kohlenwasserstoffen. Sie sind thermisch stabil, chemisch träge und weichmachend, und genau diese Eigenschaften machten sie zum gefragten Zusatz in Fugenmassen, Dichtungen und Anstrichen. Dieselben Eigenschaften sind heute das Problem: PCB bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab. Man findet sie weltweit, vom arktischen Eis bis in die Tiefsee, und im Gebäude sitzen sie dort, wo man sie vor Jahrzehnten eingebaut hat, und gasen weiter aus.

In Österreich wurden PCB-haltige Fugenmassen von etwa 1955 bis Ende der 1970er-Jahre verbaut, vor allem in Betonfertigteilbauten, Bürogebäuden und Schulen. Seit 1993 sind Herstellung, Inverkehrsetzen und Verwendung von PCB in Österreich verboten (BGBl. Nr. 210/1993); für damals bereits in Verwendung stehende elektrische Betriebsmittel galten Übergangsfristen, je nach Gerätetyp bis Ende 1996 bzw. Ende 1999. Die Fugen aus dieser Zeit sind oft noch da.

Wo PCB in Gebäuden stecken

  • Gebäudefugen: elastische Dichtmassen zwischen Betonfertigteilen, an Fassaden, zwischen Geschossdecken und Außenwänden. Die häufigste Quelle.
  • Fensterfugen: Dichtmassen rund um Fensterrahmen, besonders bei Metallfenstern der 1960er- und 1970er-Jahre.
  • Dehnungsfugen: in Böden, Parkhäusern und Industriebauten.
  • Anstriche und Beschichtungen: seltener, aber möglich, etwa in Korrosionsschutzanstrichen.

Die Fugenmassen sind meist grau, beige oder schwarz und werden mit der Zeit hart und rissig.

Warum PCB gefährlich sind

PCB gasen über Jahrzehnte kontinuierlich aus der Fugenmasse in die Raumluft aus und reichern sich im Hausstaub an. Im Körper sind sie fettlöslich, lagern sich im Fettgewebe ein und werden nur sehr langsam abgebaut. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC/WHO) stuft PCB als für den Menschen krebserzeugend ein (Gruppe 1), die dioxinähnlichen PCB ebenso; PCB verursachen malignes Melanom, positive Assoziationen sind für Non-Hodgkin-Lymphome und Brustkrebs beschrieben (IARC 2013, Monograph 107, publiziert 2016). Daneben sind Leberschäden, eine Schwächung des Immunsystems und Störungen des Hormonsystems beschrieben; Kinder und Schwangere gelten als besonders empfindlich. Diese Einstufung beschreibt die Gefährlichkeit des Stoffes, nicht die Höhe des Risikos in einem bestimmten Raum, und sie stützt sich auf beruflich hoch Exponierte. Was im konkreten Gebäude zählt, ist die gemessene Konzentration; der Referenzwert, an dem sie sich misst, ist ein Handlungswert, keine Grenze zwischen unschädlich und schädlich. Dass ein Teil der PCB wie die Dioxine wirkt, ist kein Zufall der Benennung, sondern Chemie; das erste Fold-out ordnet es ein.

Für Experten, oder die, die es werden wollen: 209 Kongenere, die dioxinähnlichen PCB und warum sie so langlebig sind

Ein PCB-Molekül besteht aus zwei über eine Einfachbindung verbundenen Benzolringen (dem Biphenyl-Gerüst), an das ein bis zehn Chloratome treten können. Aus den möglichen Stellungen ergeben sich 209 verschiedene Einzelverbindungen, die Kongenere. Technische PCB-Gemische waren nie ein einzelner Stoff, sondern Mischungen vieler Kongenere mit einem bestimmten Chlorierungsgrad. Die vielen Chlor-Kohlenstoff-Bindungen und der Mangel an Angriffspunkten machen die Moleküle chemisch träge und biologisch schwer abbaubar; sie sind fettlöslich, reichern sich in Organismen und entlang der Nahrungskette an und werden über die Atmosphäre bis in die Arktis verfrachtet. Persistenz, Bioakkumulation und Ferntransport sind die Kriterien, nach denen PCB in die Stockholm-Konvention aufgenommen wurden.

Ein Teil der Kongenere hat eine besondere Wirkung. Fehlt Chlor an den inneren, den ortho-Positionen, können sich die beiden Ringe frei in eine Ebene stellen; diese planaren und annähernd planaren Kongenere, die dioxinähnlichen PCB, binden wie das 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin an den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor und lösen dieselbe Art von Wirkung aus, wenn auch mit weit geringerer Wirkstärke. Für sie hat die WHO, wie bei den Dioxinen, ein System von Toxizitätsäquivalenzfaktoren aufgestellt, das ihre Wirkung auf die des TCDD bezieht. Für die krebserzeugende Wirkung stützte sich die IARC 2013 auf die Gesamtheit der Kohortendaten und stufte sowohl PCB insgesamt als auch die dioxinähnlichen PCB als krebserzeugend für den Menschen ein (Gruppe 1); die verwandten polybromierten Biphenyle wurden als wahrscheinlich krebserzeugend eingestuft (Gruppe 2A) (IARC 2013, Monograph 107; Bewertung 2013, publiziert 2016).

Warum die Quelle nicht nur die Fuge ist

Eine Besonderheit erschwert die PCB-Sanierung im Gebäude. Aus der Fugenmasse, der Primärquelle, wandern die Verbindungen über Jahre in angrenzende, poröse Bauteile, in Beton, Putz und Estrich. Diese Bauteile werden so zu Sekundärquellen, die auch dann noch ausgasen, wenn die ursprüngliche Fuge längst entfernt ist. Eine PCB-Sanierung ist deshalb selten mit dem Herausschneiden der Fuge getan; oft muss auch das kontaminierte Umfeld beurteilt und mitsaniert werden. Wer nur die sichtbare Fuge entfernt und die Sekundärquellen übersieht, senkt die Raumluftbelastung oft nicht dauerhaft.

Wie man PCB feststellt

Am Anfang steht eine Materialprobe der verdächtigen Fugenmasse, ein kleines Stück von wenigen Zentimetern, untersucht in einem akkreditierten Labor. Erfasst werden sechs Indikatorkongenere, aus deren Summe sich der Gesamtgehalt hochrechnen lässt. Liegen Fugen großflächig offen oder bestehen Beschwerden, ergänzt eine Raumluftmessung das Bild. Von der Probenahme in Eigenregie ist bei PCB-verdächtigen Fugenmassen abzuraten, schon wegen des Hautkontakts, und großflächige offene Fugen sollten nicht selbst bearbeitet werden. Wie aus sechs Kongeneren ein Gesamtgehalt wird und was die Richtwerte bedeuten, steht im Fold-out.

Für Experten, oder die, die es werden wollen: Die sechs Indikatorkongenere, die Hochrechnung und die 2025 abgesenkten Richtwerte

Alle 209 Kongenere einzeln zu bestimmen wäre unwirtschaftlich. Die Analytik beschränkt sich deshalb auf sechs Indikatorkongenere nach Ballschmiter (PCB 28, 52, 101, 138, 153 und 180), die als repräsentativ für das ganze Kongenerenspektrum gelten. Der Gesamtgehalt wird aus ihrer Summe hochgerechnet: Die in Deutschland und Österreich gebräuchliche Konvention setzt die Summe der sechs Kongenere mal fünf als Gesamt-PCB an (Gesamt-PCB = ΣPCB6 × 5). Der Faktor fünf zeigt zugleich, dass die sechs Indikatorkongenere nur etwa ein Fünftel des Gesamtgehalts ausmachen, nicht die Mehrheit.

Einen eigenen verbindlichen Grenzwert für PCB in der Innenraumluft hat Österreich nicht; als Orientierung dienen die deutschen Richtwerte des Ausschusses für Innenraumrichtwerte (AIR). Dieser hat sie 2025 deutlich abgesenkt: An die Stelle des früheren Sanierungszielwerts von 300 ng/m³ und des Interventionswerts von 3.000 ng/m³ trat ein Vorsorgewert (Richtwert I) von 80 ng/m³ und ein Gefahrenwert (Richtwert II) von 800 ng/m³, jeweils bezogen auf das Gesamt-PCB (AIR 2025). Unterhalb des Vorsorgewerts gilt die Belastung langfristig als hinnehmbar; darüber ist die Quelle zu suchen und die Konzentration zu senken; ab dem Gefahrenwert besteht Handlungsbedarf. Die Absenkung beruht nicht auf der dioxinähnlichen Wirkung, sondern auf einem empfindlicheren Endpunkt: Der neue Wert leitet sich aus der Immuntoxizität ab, auf Basis der niedrigsten Wirkdosis in der empfindlichsten Tierart, dem Rhesusaffen, während der alte Wert auf inzwischen überholten Leberbefunden beruhte. Möglich wurde die Neubewertung, weil sich der über die Raumluft inhalativ aufgenommene PCB-Anteil erstmals plausibel quantifizieren ließ. Der frühere gesonderte Prüfwert für dioxinähnliche PCB wurde dabei zurückgezogen, weil der neue Gefahrenwert auch vor ihnen schützt (AIR 2025). In der Praxis bedeutet die Absenkung, dass Räume, die nach den alten Werten unauffällig waren, neu zu bewerten sein können.

Der rechtliche Rahmen

PCB sind in Österreich seit 1993 verboten (Verordnung über das Verbot von halogenierten Biphenylen, Terphenylen, Naphthalinen und Diphenylmethanen, BGBl. Nr. 210/1993). EU-weit und international sind PCB als langlebige organische Schadstoffe über die Stockholm-Konvention erfasst. PCB-haltige Baustoffe sind nach dem europäischen Abfallverzeichnis als gefährlicher Abfall eingestuft, wenn ihr PCB-Gehalt den Konzentrationsgrenzwert von 50 mg/kg überschreitet, und müssen dann entsprechend entsorgt werden (Abfallverzeichnis 2000/532/EG; POP-Verordnung (EU) 2019/1021, Anhang IV). Für die Bewertung der Innenraumluft dienen die 2025 abgesenkten deutschen Richtwerte des Ausschusses für Innenraumrichtwerte als Orientierung (Vorsorgewert, Richtwert I: 80 ng/m³; Gefahrenwert, Richtwert II: 800 ng/m³), da Österreich keinen eigenen verbindlichen Wert festgelegt hat (AIR 2025).

Was zu tun ist

  • PCB-Fugen intakt, keine bekannte Raumluftbelastung: die Fuge dokumentieren und bei der nächsten Sanierung fachgerecht entfernen lassen. Weil auch intakte Fugen weiter ausgasen, gibt bei Unsicherheit, vor allem in Räumen mit kleinen Kindern, eine Raumluftmessung Aufschluss über die tatsächliche Belastung.
  • Fugen offen, rissig oder großflächig in Innenräumen: Raumluftmessung sinnvoll. Über dem Vorsorgewert die Quelle identifizieren, die Konzentration senken und die Fugen sanieren.
  • Sanierung geplant: PCB-Fugenmassen und die kontaminierten Nachbarbauteile sind unter Schutzmaßnahmen zu entfernen, und der Abfall ist als gefährlicher Abfall zu entsorgen. Weil die Sekundärquellen im Beton mitzählen, gehört der Umfang fachlich ermittelt, bevor gearbeitet wird.

PCB treten selten allein auf. In Gebäuden der 1960er- bis 1980er-Jahre stecken oft auch Asbest und alte Mineralfaserdämmung (KMF).

Quellen

  • AIR (2025): Ausschuss für Innenraumrichtwerte (Deutschland), Richtwerte für Polychlorierte Biphenyle (PCB) in der Innenraumluft. Bundesgesundheitsblatt 68(2):201 bis 218. Vorsorgewert (Richtwert I) 80 ng/m³, Gefahrenwert (Richtwert II) 800 ng/m³, bezogen auf Gesamt-PCB (ΣPCB6 × 5); zuvor Sanierungszielwert 300 ng/m³ und Interventionswert 3.000 ng/m³; kritischer Endpunkt Immuntoxizität. dguv.de
  • IARC (2013): Polychlorinated Biphenyls and Polybrominated Biphenyls. IARC Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Vol. 107 (Bewertung 2013, publiziert 2016). PCB und dioxinähnliche PCB krebserzeugend für den Menschen (Gruppe 1), Basis malignes Melanom, positive Assoziationen für Non-Hodgkin-Lymphome und Brustkrebs; polybromierte Biphenyle Gruppe 2A. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK361680
  • PCB-Verbot Österreich (1993): Verordnung über das Verbot von halogenierten Biphenylen, Terphenylen, Naphthalinen und Diphenylmethanen, BGBl. Nr. 210/1993. ris.bka.gv.at
  • Europäisches Abfallverzeichnis (2000/532/EG, konsolidiert): Beschluss der Kommission über ein Abfallverzeichnis; Abfälle, die PCB oberhalb des Konzentrationsgrenzwerts nach Anhang IV der POP-Verordnung enthalten (50 mg/kg, Verordnung (EU) 2019/1021), werden als gefährlich eingestuft; PCB-haltige Bau- und Abbruchabfälle wie Dichtungsmassen tragen den Abfallcode 17 09 02*. eur-lex.europa.eu
  • Stockholm-Konvention (2001/2004): Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe (POP), PCB in Anhang A und C. pops.int
  • Umweltbundesamt Österreich: Polychlorierte Biphenyle (PCB), Vorkommen, Persistenz und POP-Regelung. umweltbundesamt.at
  • ARGUK-Umweltlabor: PCB im Innenraum, Primär- und Sekundärquellen (Migration aus der Fugenmasse in angrenzende Bauteile). arguk.de

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