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Schadstoff-Guides Von Dr. Maximilian Mandl 4 Min. Lesezeit

PCB in Fugenmassen: von der Fuge in den Beton

PCB stecken in elastischen Fugenmassen von Beton- und Bürobauten der 1960er/70er-Jahre. Warum sie als krebserregend gelten und in Nachbarbauteile wandern.

PCB, die polychlorierten Biphenyle, sind eine Gruppe von 209 synthetischen, chlorierten Kohlenwasserstoffen. Sie sind thermisch stabil, chemisch träge und weichmachend, und genau diese Eigenschaften machten sie zum gefragten Zusatz in Fugenmassen, Dichtungen und Anstrichen. Dieselben Eigenschaften sind heute das Problem: PCB bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab. Man findet sie weltweit, vom arktischen Eis bis in die Tiefsee, und im Gebäude sitzen sie dort, wo man sie vor Jahrzehnten eingebaut hat, und gasen weiter aus.

In Österreich wurden PCB-haltige Fugenmassen von etwa 1955 bis Ende der 1970er-Jahre verbaut, vor allem in Betonfertigteilbauten, Bürogebäuden und Schulen. Seit 1993 sind PCB in Österreich verboten. Die Fugen aus dieser Zeit sind oft noch da.

Wo PCB in Gebäuden steckt

  • Gebäudefugen: elastische Dichtmassen zwischen Betonfertigteilen, an Fassaden, zwischen Geschossdecken und Außenwänden. Die häufigste Quelle.
  • Fensterfugen: Dichtmassen rund um Fensterrahmen, besonders bei Metallfenstern der 1960er- und 1970er-Jahre.
  • Dehnungsfugen: in Böden, Parkhäusern und Industriebauten.
  • Anstriche und Beschichtungen: seltener, aber möglich, etwa in Korrosionsschutzanstrichen.

Die Fugenmassen sind meist grau, beige oder schwarz und werden mit der Zeit hart und rissig.

Warum PCB gefährlich sind

PCB gasen über Jahrzehnte kontinuierlich aus der Fugenmasse in die Raumluft aus und reichern sich im Hausstaub an. Im Körper sind sie fettlöslich, lagern sich im Fettgewebe ein und werden nur sehr langsam abgebaut. Die IARC der WHO stuft PCB als für den Menschen krebserregend ein (Gruppe 1), die dioxinähnlichen PCB ebenso. Daneben sind Leberschäden, eine Schwächung des Immunsystems und Störungen des Hormonsystems beschrieben. Kinder und Schwangere gelten als besonders empfindlich.

Warum die Quelle nicht nur die Fuge ist

Eine Besonderheit erschwert die PCB-Sanierung im Gebäude. Aus der Fugenmasse, der Primärquelle, wandern die Verbindungen über Jahre in angrenzende, poröse Bauteile, in Beton, Putz und Estrich. Diese Bauteile werden so zu Sekundärquellen, die auch dann noch ausgasen, wenn die ursprüngliche Fuge längst entfernt ist. Eine PCB-Sanierung ist deshalb selten mit dem Herausschneiden der Fuge getan; oft muss auch das kontaminierte Umfeld beurteilt werden.

Wie man PCB feststellt

Am Anfang steht eine Materialprobe der verdächtigen Fugenmasse, ein kleines Stück von wenigen Zentimetern, untersucht in einem akkreditierten Labor. Erfasst werden die sechs Indikatorkongenere (PCB 28, 52, 101, 138, 153 und 180), aus denen sich der Gesamtgehalt hochrechnen lässt. Liegen Fugen großflächig offen oder bestehen Beschwerden, ergänzt eine Raumluftmessung das Bild. Von der Probenahme in Eigenregie ist abzuraten, und großflächige offene Fugen sollten nicht selbst bearbeitet werden; das gehört in fachkundige Hände.

Der rechtliche Rahmen

PCB sind in Österreich seit 1993 verboten (Verordnung über das Verbot von halogenierten Biphenylen, Terphenylen, Naphthalinen und Diphenylmethanen, BGBl. Nr. 210/1993). EU-weit und international sind PCB als langlebige organische Schadstoffe über die Stockholmer Konvention erfasst. PCB-haltige Baustoffe sind gefährlicher Abfall und müssen entsprechend entsorgt werden. Einen eigenen verbindlichen Grenzwert für PCB in der Innenraumluft hat Österreich nicht; als Orientierung dienen die deutschen Richtwerte des Ausschusses für Innenraumrichtwerte (AIR), 2025 deutlich abgesenkt: ein Vorsorgewert (Richtwert I) von 80 ng/m³ und ein Gefahrenwert (Richtwert II) von 800 ng/m³, bezogen auf die Summe der PCB. Unterhalb des Vorsorgewerts gilt die Belastung langfristig als hinnehmbar; darüber ist die Quelle zu suchen und die Konzentration zu senken, ab dem Gefahrenwert besteht Handlungsbedarf.

Was zu tun ist

  • PCB-Fugen intakt, keine Raumluftbelastung: dokumentieren und bei der nächsten Sanierung fachgerecht entfernen lassen.
  • Fugen offen, rissig oder großflächig in Innenräumen: Raumluftmessung sinnvoll. Über dem Vorsorgewert: Quelle identifizieren, Konzentration senken, Fugen fachgerecht sanieren.
  • Sanierung geplant: PCB-Fugenmassen und kontaminierte Nachbarbauteile gehören in die Hände einer Fachfirma, mit Schutzmaßnahmen, und der Abfall ist als gefährlicher Abfall zu entsorgen.

PCB treten selten allein auf. In Gebäuden der 1960er- bis 1980er-Jahre stecken oft auch Asbest und alte Mineralfaserdämmung (KMF).

Quellen

  • IARC/WHO, Monograph 107 (2013): PCB und dioxinähnliche PCB als Karzinogen der Gruppe 1
  • Verbot von halogenierten Biphenylen, Terphenylen, Naphthalinen und Diphenylmethanen, BGBl. Nr. 210/1993, RIS: ris.bka.gv.at
  • Ausschuss für Innenraumrichtwerte (AIR), „Richtwerte für PCB in der Innenraumluft", Bundesgesundheitsblatt, Band 68, Heft 2 (2025) (Richtwert I 80 ng/m³, Richtwert II 800 ng/m³)
  • Umweltbundesamt Österreich, „Polychlorierte Biphenyle (PCB)": umweltbundesamt.at
  • arguk.de, „PCB im Innenraum: Vorkommen und gesundheitliche Bedeutung" (Primär- und Sekundärquellen)

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