Nein. Eternit ist ein Markenname für Faserzement, kein Synonym für Asbest. Aber die Verwirrung ist verständlich: Die beiden Begriffe haben Jahrzehnte lang praktisch das Gleiche bedeutet. Und die Geschichte, warum Österreich so durchdrungen ist von diesem Material, beginnt mit einer Familie in Oberösterreich.
Die Familie Hatschek
Ludwig Hatschek wurde 1856 in Těšetice (Mähren) geboren, als sechstes Kind einer Brauereibesitzer-Familie. 1866 zog die Familie nach Linz. Nach einem Streit mit seinem Schwager über die Führung des Familienbetriebs erhielt Hatschek eine Abfindung von rund 100.000 Gulden. Seine Frau Rosa Würzburger entdeckte eine stillgelegte Papiermühle in Schöndorf bei Vöcklabruck, die Hatschek 1893 kaufte.
Sieben Jahre lang experimentierte er mit feuerfesten Dachplatten: leichter als Ziegel, billiger als Schiefer, haltbarer als Blech. Die Lösung: 90 % Portlandzement, 10 % Chrysotil-Asbestfasern, verarbeitet auf einer umgebauten Papiermaschine (der "Hatschek-Maschine"). 1900 meldete er das Verfahren zum Patent an ("Herstellung von Kunststein-Platten mit hydraulischen Bindemitteln"). 1903 ließ er den Markennamen "Eternit" eintragen (vom lateinischen aeternus, ewig).
Das Geschäftsmodell war Lizenz, nicht Expansion. Hatschek vergab die Technologie an je ein Unternehmen pro Land, viele davon unter dem Namen Eternit. Bis 1910 gab es Eternit-Fabriken in Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Portugal, Italien, Großbritannien, Schweden, Dänemark, Rumänien, Russland, den USA und Kanada. Hatschek wurde durch Lizenzgebühren reich, ohne selbst Auslandsfabriken zu bauen (mit Ausnahme von Nyergesújfalu bei Esztergom in Ungarn).
Mit dem Reichtum kam die Gemeinschaftsbindung. Hatschek baute Arbeiterwohnungen in Vöcklabruck. Zwischen 1910 und 1913 ließ er die ehemalige Sandgrube am Bauernberg in Linz auf eigene Kosten in eine Parkanlage umgestalten und schenkte sie der Stadt. Ludwig Hatschek starb am 15. Juli 1914, zwei Wochen vor Beginn des Ersten Weltkriegs.
Sein Sohn Hans Hatschek (1890 bis 1956) führte das Werk weiter und weitete den Einfluss der Familie aus. Er stiftete das Landeskrankenhaus Vöcklabruck (1930 bis 1932), ließ die Hatschek-Stiftung errichten (1927 bis 1931, heute Offenes Kunst- und Kulturhaus Vöcklabruck), und wurde Ehrenbürger der Stadt. Mehrere Straßen im Bezirk tragen seinen Namen. Die Hatscheks waren keine Adeligen, aber sie waren die Familie, die Vöcklabruck sein Krankenhaus, Linz seinen Park und Österreich seine Dächer gab.
Das Werk blieb bis 2005 im Familienbesitz. Fritz Hatschek, ein späterer Nachkomme, starb 2013. Seit 2009 gehört die Eternit-Werke Ludwig Hatschek GmbH dem Schweizer Unternehmer Bernhard Alpstaeg (Swisspearl-Gruppe). Das Werk in Vöcklabruck produziert weiterhin und ist Marktführer im österreichischen Steildachbereich.
Warum Österreich so voll mit Eternit ist
Die Antwort ist einfach: Faserzement wurde in Österreich erfunden, und die Heimat des Erfinders war der erste und intensivste Markt. Während andere Länder Eternit als Import kennenlernten, war es in Österreich von Anfang an ein lokales Produkt mit kurzen Lieferwegen, niedrigen Preisen und dem Vertrauen einer Gemeinschaft, die den Fabrikanten kannte.
Von Dachplatten über Fassadenverkleidung bis zu Rohren, Blumenkästen und Gartenmöbeln: Eternit war in Österreich allgegenwärtig. Es war feuerfest, frostbeständig, billig und haltbar. Dass es Asbest enthielt, war kein Geheimnis, galt aber bis in die 1970er Jahre als unproblematisch.
Dass Österreich heute, 2026, noch immer mit den Folgen dieser Allgegenwart zu kämpfen hat (siehe den Asbest-Skandal im Burgenland, wo natürlich vorkommender Asbest in Schotter ein eigenes, aber verwandtes Problem darstellt), hat auch mit dieser Geschichte zu tun: Eine Industrie, die im Land erfunden wurde, deren Gründerfamilie Krankenhäuser stiftete und Ehrenbürgerwürden trug, und die das am weitesten verbreitete Dach- und Fassadenmaterial des Landes herstellte, hinterlässt eine Infrastruktur, die sich nicht über Nacht abbauen lässt.
Die Zeitachse
Vor ~1990: Eternit-Produkte enthalten Asbest. Fast ausnahmslos. Die ursprüngliche Rezeptur (10 bis 15 % Chrysotil-Fasern in Zementmatrix) war über neun Jahrzehnte hinweg der Standard.
Übergangsphase Anfang der 1990er: Die Firma Eternit stellte schrittweise auf asbestfreie Ersatzfasern um (Zellulose und PVA, Polyvinylalkohol). Das österreichische Asbestverbot trat 1990 in Kraft (BGBl. 1990/324), einige Produkte mit Restbeständen waren aber noch kurz danach im Umlauf.
Nach ~1993: Eternit-Produkte sind asbestfrei. Die neuen Faserzementplatten sehen den alten zum Verwechseln ähnlich: gleiche Farbe, gleiche Textur, gleiche Haptik.
Das Problem: Du siehst den Unterschied nicht
Alte und neue Eternitplatten sind visuell identisch. Es gibt kein Merkmal, an dem du zuverlässig erkennst, ob eine Platte Asbest enthält. Farbe, Oberfläche, Gewicht: alles gleich.
Manchmal hilft ein Produktionsstempel auf der Plattenrückseite. Wenn dort ein Datum nach 1994 steht: asbestfrei. Aber viele Platten haben keinen Stempel, oder er ist verwittert.
Die einzige Methode, die Sicherheit gibt: Laboranalyse. Eine Materialprobe unter dem Polarisationsmikroskop oder REM zeigt innerhalb von 3 bis 10 Werktagen, ob Asbestfasern vorhanden sind.
Was du auf keinen Fall tun solltest
Alte Eternitplatten brechen, bohren, sägen, fräsen oder mit dem Hochdruckreiniger bearbeiten. Wenn sie Asbest enthalten, setzt du damit feine Fasern frei: in die Luft, in den Garten, in die Atemwege.
Auch beim Abriss gilt: Eternitplatten nicht werfen oder fallen lassen. Jeder Bruch setzt Fasern frei.
Solange die Platten intakt und unbearbeitet an Dach oder Fassade hängen, ist das Risiko gering. Der Asbest ist fest im Zement gebunden. Erst bei mechanischer Bearbeitung oder fortgeschrittener Verwitterung werden Fasern freigesetzt.
Was eine Probe kostet
Ab €69 pro Probe (mineralische Matrix €149), Ergebnis in 3 bis 10 Werktagen. Wir entnehmen ein kleines Stück vom Rand oder von einer bereits beschädigten Stelle, ohne zusätzliche Faserfreisetzung.
Bei einer typischen Dach- oder Fassadenbegutachtung reichen 1 bis 2 Proben, um Klarheit zu schaffen.
Nächster Schritt
Du hast Eternitplatten am Dach und weißt nicht, ob sie Asbest enthalten? Melde dich. 15 Minuten Erstgespräch, kostenlos.
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