Hebt man in einem Altbau eine Parkettdiele an, liegt darunter manchmal eine schwarze, zähe, teerartige Schicht. Zwei solche Schichten können mit dem Auge völlig gleich aussehen und sich in ihrem Gehalt an krebserzeugenden Stoffen trotzdem um Größenordnungen unterscheiden. Der Grund liegt nicht im Aussehen, sondern in der Entstehung: Steinkohlenteer ist ein Hochtemperatur-Produkt der Kohleverkokung, Bitumen ein Rückstand der Erdöldestillation, und diese beiden Herkünfte hinterlassen einen gegensätzlichen molekularen Fingerabdruck.
Dieser Beitrag verfolgt drei Fäden, die in der üblichen Darstellung fehlen: warum die Herkunft den Größenordnungs-Unterschied erklärt und wie man Teer von Bitumen jenseits des bloßen Laborwerts unterscheidet; warum ausgerechnet die gefährlichsten Verbindungen sich nicht durch Geruch oder Ausgasung verraten, sondern unsichtbar mit dem Staub wandern; und warum ein hoher Materialwert ein Grund zur nüchternen Abklärung ist, nicht zur Panik.
Teer ist gekocht, Bitumen ist destilliert
Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind eine Gruppe aus verschmolzenen Kohlenstoffringen. Sie entstehen, wenn organisches Material unvollständig verbrennt oder unter Hitze zersetzt wird, und sie stecken konzentriert im Steinkohlenteer. Dieser Teer ist ein Nebenprodukt der Verkokung von Steinkohle: Die Kohle wird unter Sauerstoffausschluss auf bis zu etwa 1.300 °C erhitzt (IARC 2012, Monograph 100F), wobei Teere und Öle ausgetrieben und anschließend fraktioniert destilliert werden, in Leichtöl, Karbol- und Kreosotöl bis zum Anthracenöl, während als Rückstand das Pech bleibt, rund die Hälfte des Teers und ein regelrechtes PAK-Konzentrat.
Bitumen hat eine völlig andere Biografie. Es ist der nichtflüchtige Rückstand der Vakuumdestillation von Erdöl und wird dabei nie auf die Temperaturen gebracht, bei denen sich neue Ringsysteme bilden; die Prozesse der Asphaltherstellung bleiben unter etwa 400 °C (Machado et al. 1993). Genau diese Temperaturachse trennt die beiden Materialien. Warum die Hitze überhaupt PAK erzeugt, und zwar bevorzugt die schweren, unsubstituierten Ringsysteme, ist der eigentliche Grund, aus dem der Fingerabdruck später funktioniert.
Für Experten, oder die, die es werden wollen: Wie Hitze PAK baut
Bei Verbrennungs- und Pyrolysetemperaturen setzt sich der erste aromatische Ring aus kleinen Radikalen zusammen, etwa durch Rekombination zweier Propargylradikale (C3H3), und wächst danach repetitiv über abwechselnde Wasserstoff-Abstraktion und Acetylen-Addition. Dieser Mechanismus trägt den Namen HACA (hydrogen abstraction, C2H2 addition; Frenklach 2002).
Entscheidend für den Fingerabdruck ist, warum Hochtemperatur bevorzugt unsubstituierte Eltern-PAK aufbaut: Die Acetylen-Addition ist reversibel und wird erst irreversibel, wenn das System auf besonders stabile, kompakte, perikondensierte Strukturen einrastet, die sogenannten Stabilomere (Deskriptor nach Stein und Fahr 1985); der dominante Wachstumspfad folgt dem geringsten thermodynamischen Widerstand (Frenklach 2002). Die Signatur eines heißen Prozesses ist deshalb ein Muster aus nackten, höherkondensierten Eltern-PAK, nicht aus alkylierten Seitenketten. Das ist der molekulare Grund dafür, dass Steinkohlenteer so anders aussieht als jedes Erdölprodukt.
Der molekulare Fingerabdruck: Teer oder Bitumen?
Optisch sind die beiden nicht zu unterscheiden; chemisch sind sie Gegensätze. Steinkohlenteer (pyrogen, aus Hochtemperatur-Pyrolyse) ist von unsubstituierten Eltern-PAK dominiert und trägt sehr viel Benzo[a]pyren; Bitumen (petrogen) ist von alkylierten Homologen geprägt und trägt sehr wenig. Wie groß der Unterschied wird, hat Machado et al. (1993) an denselben Analysen gemessen: Benzo[a]pyren lag im Steinkohlenteerpech bei 18.100 mg/kg, im unbehandelten Asphalt dagegen unter 6 mg/kg (Einzelwerte der beiden untersuchten Asphaltproben 3,2 und 5,3 mg/kg), also mehr als drei Größenordnungen tiefer; die Summe der 16 EPA-PAK betrug im Pech 294.300 gegenüber 50,4 und 122,3 mg/kg im Asphalt (Machado et al. 1993, Tabelle 2). Auch die Dämpfe der erhitzten Materialien enthielten zwei bis drei Größenordnungen mehr Benzo[a]pyren und waren etwa hundertmal mutagener.
Diesen Herkunftsunterschied liest ein Labor nicht nur am reinen Benzo[a]pyren-Wert ab, sondern an den Verhältnissen bestimmter Isomere zueinander, dem eigentlichen Fingerabdruck. Wichtig ist dabei die intellektuelle Redlichkeit: Diese Verhältnisse sind Indizien, kein Beweis. Verwitterung und Photooxidation verschieben die empfindlicheren von ihnen, und ausgerechnet die kanonische Quelle für die Methode trägt den Untertitel „a critical appraisal" (Yunker et al. 2002).
Für Experten, oder die, die es werden wollen: Die diagnostischen Isomeren-Verhältnisse
Yunker et al. (2002) etablierten vier Verhältnisse aus Isomerenpaaren gleicher Molekülmasse mit benannten Schwellen:
| Verhältnis (Masse) | petrogen | Übergang | Verbrennung / pyrogen |
|---|---|---|---|
| Anthracen/(An+Phenanthren) [178] | < 0,10 | > 0,10 | |
| Fluoranthen/(Fl+Pyren) [202] | < 0,40 | 0,40 bis 0,50 | > 0,50 (Holz/Kohle, also Teer) |
| Benz[a]anthracen/(BaA+Chrysen) [228] | < 0,20 | 0,20 bis 0,35 | > 0,35 |
| IcdP/(IcdP+Benzo[ghi]perylen) [276] | < 0,20 | 0,20 bis 0,50 | > 0,50 |
Warum das Fluoranthen/Pyren-Verhältnis funktioniert, ist ein schönes Stück Chemie: Fluoranthen und Pyren sind Isomere derselben Formel C16H10, aber Pyren ist um rund 66 kJ/mol stabiler. Die Umlagerung Fluoranthen nach Pyren ist zwar exotherm, steckt aber hinter einer hohen Barriere kinetisch fest; eine Verbrennung schreckt das Gemisch fern vom Gleichgewicht ab und konserviert so das eigentlich weniger stabile Fluoranthen (Khiri et al. 2019). Ein hoher Fluoranthen-Anteil ist damit der Abdruck eines heißen, schnell abgekühlten Prozesses.
Nicht alle Verhältnisse sind gleich belastbar. Robust gegenüber Verwitterung sind Fluoranthen/(Fl+Pyren) und IcdP/(IcdP+BghiP); empfindlich (photolabil) sind Anthracen/(An+Phe) und Benz[a]anthracen/(BaA+Chrysen), weil das lineare Anthracen schneller zerfällt als Phenanthren und eine echt pyrogene Probe dadurch fälschlich „petrogen" erscheinen lassen kann (Tobiszewski und Namieśnik 2012). Ein zweites, robusteres Werkzeug ist die Verteilung der Alkylhomologen: petrogen glockenförmig mit Maximum bei den ein- bis zweifach substituierten Verbindungen, pyrogen von der unsubstituierten Ausgangsverbindung dominiert (Youngblood und Blumer 1975). Eine Feinheit, die oft falsch wiedergegeben wird: Pyrogene PAK „fehlen" keineswegs die Alkylhomologen, Verbrennungsproben enthalten ganze Serien davon; unterscheidend ist die Form der Verteilung, nicht ihre An- oder Abwesenheit (Youngblood und Blumer 1975).
Wo der Teer sitzt, und wo am meisten
Steinkohlenteer ist von Haus aus zu rund 20 Prozent seiner Masse PAK (16 EPA), eine Zahl, die sich aus der Zusammensetzung direkt nachrechnen lässt (Naphthalin etwa 10 Prozent, Phenanthren etwa 4,5, Fluoranthen etwa 3, Pyren etwa 2; Franck und Stadelhofer 1987). Daraus folgt eine Faustregel, die den ganzen Materialteil ordnet: Je reiner das Teerprodukt, desto höher die PAK-Last.
Der berühmte schwarze Parkettkleber ist teerbasiert, aber als lösemittelverdünnter Dünnfilm verbaut. Sein Benzo[a]pyren-Gehalt streut breit: An rund 2.500 untersuchten Proben lagen Median und 95.-Perzentil bei etwa 800 beziehungsweise 8.000 mg Benzo[a]pyren pro Kilogramm Klebstoff (DIBt PAK-Hinweise 2000). Bis Ende der 1960er-Jahre wurde Parkett vielfach mit Steinkohlenteerpech verklebt; teerhaltige Kleber werden in Deutschland seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr produziert (DIBt PAK-Hinweise 2000).
Der eigentliche blinde Fleck aber ist nicht der Kleber. Teerhaltige Abdichtungen und Feuchtigkeitssperren, also Teeranstriche am Kellermauerwerk, Teerpappe, Teerkork und horizontale Sperrschichten, liegen nicht als dünner, verdünnter Film vor, sondern nahezu in Reinform als Bindemittel. Bei rund 20 Prozent PAK im reinen Teer bedeutet das Gehalte im Prozentbereich, also weit über dem lösemittelverdünnten Dünnfilm-Kleber. Genau deshalb trägt die verputzte, unscheinbare Abdichtung in der Wand oft die höchste Last im ganzen Haus, während sie bei Teilsanierungen stehen bleibt und erst nach Rückbau freiliegt.
Die wichtigste Einschränkung bleibt dieselbe wie beim Kleber: Nicht jeder schwarze Baustoff ist teerhaltig. Reines Bitumen enthält nur etwa 2 mg Benzo[a]pyren pro Kilogramm (DIBt PAK-Hinweise 2000), also rund vier Größenordnungen weniger als Teerpech. Ein teer- oder mottenkugelartiger Geruch (Naphthalin ist der flüchtigste PAK) kann ein Hinweis sein, ist aber kein Beweis; und ein normaler Bitumen-Gussasphalt ist nicht mit einem teerhaltigen zu verwechseln. Sicherheit gibt nur die Analyse.
Warum es gefährlich ist, und was man dabei oft falsch versteht
Der Satz „PAK gasen aus dem Material aus" ist für die gefährlichen Vertreter schlicht falsch. Die Verteilung zwischen Luft und Staub folgt der Ringzahl: Die leichten zwei- bis dreiringigen PAK sind dampfförmig, ab vier Ringen kippt es, und die fünf- bis sechsringigen Krebserzeuger wie Benzo[a]pyren sind praktisch nicht flüchtig (Dampfdruck in der Größenordnung 10⁻⁹ mmHg) und hängen am Staub (ATSDR; WHO 2010).
Daraus folgt eine Umkehrung der Intuition. Was man riecht, das Naphthalin mit seiner Mottenkugel-Note, ist der flüchtigste und zugleich mit Abstand schwächste Krebserzeuger der Gruppe (Toxizitätsäquivalenzfaktor 0,001; IARC-Gruppe 2B). Das eigentliche Karzinogen Benzo[a]pyren (Faktor 1, IARC-Gruppe 1) ist geruchlos und gast nicht aus; es reist staubgebunden, sobald das Material bearbeitet oder zerstört wird. „Kein Teergeruch" heißt also nicht „wenig Benzo[a]pyren". Naphthalin selbst ist übrigens ein eigenständiges Innenraumthema mit einem WHO-Richtwert von 10 µg/m³ (WHO 2010).
Der Weg vom Material zum Menschen entscheidet damit über das Risiko: Ein intakter, versiegelter Boden setzt wenig frei; kritisch wird es beim Schleifen, Fräsen, Bohren oder Herausreißen, wenn feiner, PAK-beladener Staub entsteht, sich in der Wohnung verteilt und sich dauerhaft im Hausstaub festsetzt. Aufgenommen werden PAK dann über drei Wege: Inhalation des Staubs, orale Aufnahme über Hand-Mund-Kontakt (überproportional bei kleinen Kindern) und über die Haut, durch die Teer-PAK gut penetrieren.
Hier ist eine ehrliche Differenzierung nötig, die in beide Richtungen führt. Ein hoher Materialwert ist ein Grund zur nüchternen Abklärung, nicht zur Panik, denn der Materialgehalt ist nicht die aufgenommene Dosis. Als das Frankfurter Gesundheitsamt die PAK-Metaboliten im Urin von 347 Kindern unter sechs Jahren aus solchen Wohnungen untersuchte, fand es zwischen den Kindern aus stark benzo[a]pyren-belasteten und denen aus teerfreien Wohnungen keine statistisch signifikante Mehrbelastung (Heudorf und Angerer 2000). Der Grund ist gerade nicht, dass der Teer harmlos wäre, sondern dass die PAK-Belastung des Menschen aus vielen Quellen stammt: Über 90 Prozent der täglichen Gesamtaufnahme kommen aus der Nahrung, die Innenraumluft liegt meist deutlich unter 1 ng Benzo[a]pyren pro Kubikmeter, und für die PAK-Metaboliten im Kinderurin deutete sich eher ein Zusammenhang mit Passivrauch als mit dem Kleber an (Stahl et al. 2004). Der Teerkleber ist also eine reale Quelle unter mehreren realen Quellen. Genau deshalb schaut eine belastbare Bewertung auf das ganze Expositionsbild und auf die Staub- und Belastungsdaten, nicht allein auf die eine, größte Materialzahl.
Zur Redlichkeit gehört auch, dass diese beruhigende Lesart nicht unwidersprochen blieb: Die damalige amtliche Risikobewertung der belasteten Wohnungen wurde als methodisch fehlerhaft kritisiert (Obenland 2003). Unabhängig vom Ausgang dieser Debatte blieb die praktische Konsequenz vorsorgend: Oberhalb definierter Hausstaubwerte werden Minderungsmaßnahmen empfohlen. Und eine Präzisierung, die häufig zu breit gerät: Die für Teer und Ruß gut belegten Krebsorte sind Haut und Lunge (IARC 2012, Monograph 100F); die ausreichende Evidenz für Blasenkrebs gehört zur Aluminiumproduktion, nicht pauschal zum Parkettkleber.
Für Experten, oder die, die es werden wollen: Von Benzo[a]pyren zur Mutation
Benzo[a]pyren ist ein Pro-Karzinogen; gefährlich wird erst sein Stoffwechselprodukt. Über die Enzyme CYP1A1/1A2/1B1 und die Epoxidhydrolase entsteht das (+)-anti-Benzo[a]pyren-7,8-diol-9,10-epoxid (BPDE), ein Bay-Region-Diolepoxid (IARC 2012, Monograph 100F). Es bindet kovalent an den exozyklischen Stickstoff N2 des Guanins.
Wie direkt die Brücke von diesem Molekül zum menschlichen Krebs ist, zeigten Denissenko et al. (1996): Sie kartierten die BPDE-Addukte entlang des Tumorsuppressorgens P53 und fanden starke, selektive Adduktbildung an den Guaninen der Codons 157, 248 und 273, also genau an den Mutations-Hotspots des menschlichen Lungenkarzinoms; die resultierenden G-nach-T-Transversionen häufen sich zu über 90 Prozent am schlechter reparierten, nicht transkribierten Strang. Das ist eine direkte molekulare Verbindung zwischen einem definierten chemischen Karzinogen und dem Mutationsmuster einer menschlichen Krebserkrankung. Der Diolepoxid-Pfad selbst geht auf Sims et al. (1974) zurück.
Der rechtliche Rahmen in Österreich
Teerhaltige Bau- und Abbruchabfälle gelten in Österreich als gefährlich. Im Abfallverzeichnis führt die Abfallverzeichnisverordnung 2020 sie unter der österreichischen Schlüsselnummer 54913 („Teerrückstände"); nicht zu verwechseln ist diese mit dem EU-Abfallverzeichnis-Code 17 03 03*, der dieselben Abfälle im europäischen System bezeichnet. Am besten nennt ein Befund beide. Das maßgebliche Gefahrenmerkmal ist HP 7 (karzinogen), das ab 0,1 Masse-Prozent eines als Carc 1A/1B eingestuften Stoffs greift, für Benzo[a]pyren also ab 1.000 mg/kg, was nicht mit dem deutschen 50-mg/kg-Materialwert zu verwechseln ist (Abfallverzeichnisverordnung 2020).
Für die Entfernung gilt der Arbeitnehmerschutz. Anders als oft dargestellt kennt Österreich sehr wohl einen bindenden Benzo[a]pyren-Wert am Arbeitsplatz: Die Grenzwerteverordnung 2025 setzt einen TRK-Wert von 0,001 mg/m³ als Tagesmittelwert (0,005 mg/m³ bei der Strangpechherstellung und im Ofenbereich von Kokereien) und führt Steinkohlenteere, -peche und -öle ausdrücklich als „eindeutig krebserzeugend". Auch in der Außenluft gibt es einen bindenden Grenzwert, 1 ng Benzo[a]pyren pro Kubikmeter im Jahresmittel (Immissionsschutzgesetz-Luft, seit 2013). Was fehlt, ist ausgerechnet der Innenraum: Für Benzo[a]pyren oder die PAK-Summe existiert in Österreich kein verbindlicher Innenraumluftwert; der einzige PAK-bezogene Innenraumwert ist ein nicht bindender Richtwert für Naphthalin von etwa 10 µg/m³ (BMK 2024).
Deutsche Regelwerke zieht man in Österreich als anerkannte Regel der Technik heran. Die TRGS 551 („Teer und andere Pyrolyseprodukte aus organischem Material") stuft ein Material ab 50 mg/kg Benzo[a]pyren als karzinogen ein. Wichtig ist, dass diese Schwelle eine Materialklassifikation ist und kein Sanierungsauslöser: Die eigentlichen Sanierungsempfehlungen des DIBt knüpfen an Hausstaubwerte an, an 100 mg Benzo[a]pyren pro Kilogramm Frischstaub in Aufenthaltsräumen und 10 mg/kg dort, wo Säuglinge und Kleinkinder betroffen sind (DIBt PAK-Hinweise 2000; Stahl et al. 2004). Umgekehrt schließt ein Gehalt unter 10 mg Benzo[a]pyren pro Kilogramm im Klebstoff einen relevanten Teeranteil praktisch aus.
Was zu tun ist
Aus alldem ergibt sich ein nüchternes Vorgehen. Ein intakter, versiegelter Boden ohne Geruch ist kein akuter Handlungsgrund; die Lage sollte dokumentiert und bei der nächsten Sanierung berücksichtigt werden. Vor einer Bodensanierung in einem Gebäude, das vor etwa 1980 errichtet wurde, lohnt es, vorher zu klären, was unter dem Parkett klebt und was in Sockel und Kellerwand als Abdichtung sitzt. Wird Teer gefunden, gehört die Entfernung nicht in Eigenregie: kein Schleifen, Fräsen oder Herausreißen, sondern kontrollierter Rückbau mit Abschottung, Unterdruck, Absaugung und Schutzausrüstung durch eine Fachfirma, mit Entsorgung als gefährlicher Abfall (SN 54913, HP 7). Von der Probenahme in Eigenregie ist abzuraten, weil schon das Kratzen an verdächtigem Material Staub erzeugt und Hautkontakt riskiert.
Warum ein einzelner Benzo[a]pyren-Wert die Toxizität eines Teergemischs unterschätzt und wie das Toxizitätsäquivalent das behebt, behandelt der Beitrag Ein Wert reicht nicht: das Toxizitätsäquivalent bei PAK. Welche Schadstoffe in welcher Bauepoche zu erwarten sind, ordnet Schadstoffe nach Baujahr ein; Asbest in Bodenbelägen und Klebern behandelt Asbest erkennen, Blei in Farben und Rohren der Beitrag Blei im Altbau.
Ein Blick zurück
Dass gerade Steinkohlenteer am Anfang der Krebsforschung steht, ist kein Zufall. Schon 1775 beschrieb der Londoner Chirurg Percivall Pott den Hodenkrebs junger Schornsteinfeger und führte ihn auf den Ruß zurück, das erste klar benannte berufsbedingte chemische Karzinogen (dokumentiert in IARC 2012, Monograph 100F). 1915 erzeugten Yamagiwa und Ichikawa mit Teer experimentell Karzinome, und 1933 isolierten Cook, Hewett und Hieger aus Steinkohlenteer den krebserzeugenden Kohlenwasserstoff, Benzo[a]pyren, das erste rein dargestellte chemische Karzinogen (Cook et al. 1933). Es ist dieselbe Leitsubstanz, an der sich die Bewertung teerhaltiger Materialien bis heute orientiert.
Quellen
- IARC/WHO (2012), Monograph 100F: Benzo[a]pyren (Gruppe 1), Steinkohlenteer und -pech, Ruß und Schornsteinfeger (Pott), Verkokungstemperaturen, Bay-Region-Aktivierung. Frei: publications.iarc.who.int.
- Machado, M.L. et al. (1993): Evaluation of the Relationship between PAH Content and Mutagenic Activity of Fumes from Roofing and Paving Asphalts and Coal Tar Pitch. Fundamental and Applied Toxicology 21(4): 492–499.
- Yunker, M.B. et al. (2002): PAHs in the Fraser River basin: a critical appraisal of PAH ratios as indicators of PAH source and composition. Organic Geochemistry 33(4): 489–515.
- Tobiszewski, M. & Namieśnik, J. (2012): PAH diagnostic ratios for the identification of pollution emission sources. Environmental Pollution 162: 110–119.
- Khiri, D. et al. (2019): Theoretical Investigation of the Reaction of Pyrene Formation from Fluoranthene. Journal of Physical Chemistry A 123(34): 7491–7498.
- Youngblood, W.W. & Blumer, M. (1975): Polycyclic aromatic hydrocarbons in the environment: homologous series in soils and recent marine sediments. Geochimica et Cosmochimica Acta 39: 1303–1314.
- Frenklach, M. (2002): Reaction mechanism of soot formation in flames. Physical Chemistry Chemical Physics 4: 2028–2037. Stabilomer-Deskriptor: Stein, S.E. & Fahr, A. (1985), J. Phys. Chem. 89: 3714.
- Denissenko, M.F. et al. (1996): Preferential Formation of Benzo[a]pyrene Adducts at Lung Cancer Mutational Hotspots in P53. Science 274(5286): 430–432. Diolepoxid-Pfad: Sims, P. et al. (1974), Nature 252: 326–328.
- Heudorf, U. & Angerer, J. (2000): Humanbiomonitoring auf PAK-Metaboliten im Urin von Kindern aus Wohnungen mit PAK-haltigem Parkettkleber. Umweltmedizin in Forschung und Praxis 5(4): 218–226.
- Stahl, T., Heudorf, U., Moriske, H.-J. & Mersch-Sundermann, V. (2004): Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAH) im Innenraum. Bundesgesundheitsblatt 47: 868–881.
- Obenland, H. (ARGUK-Umweltlabor, 2003): US-Housings, fünf Jahre danach. Rückblick auf ein Kapitel der amtlichen Risikoabschätzung.
- Cook, J.W., Hewett, C.L. & Hieger, I. (1933): The Isolation of a Cancer-producing Hydrocarbon from Coal Tar. Journal of the Chemical Society 1933: 395–405.
- WHO Regional Office for Europe (2010): WHO Guidelines for Indoor Air Quality: Selected Pollutants (Naphthalin-Richtwert, PAK, Benzo[a]pyren als Indikator).
- ATSDR: Toxicological Profiles for Coal Tar/Coal Tar Pitch, Wood Creosote und Polycyclic Aromatic Hydrocarbons.
- Franck, H.-G. & Stadelhofer, J.W. (1987): Industrielle Aromatenchemie. Springer (Steinkohlenteer-Zusammensetzung).
- Abfallverzeichnisverordnung 2020 (BGBl. II Nr. 409/2020), SN 54913 / EU-Code 17 03 03*, HP 7, RIS: ris.bka.gv.at.
- Grenzwerteverordnung 2025 (BGBl. II Nr. 339/2025), Benzo[a]pyren-TRK; Immissionsschutzgesetz-Luft (BaP 1 ng/m³); BMK (2024): Richtwert Naphthalin in der Innenraumluft.
- TRGS 551 „Teer und andere Pyrolyseprodukte aus organischem Material" (BAuA); DIBt, PAK-Hinweise (DIBt-Mitteilungen 2000), Hausstaub-Sanierungswerte.
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