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Hintergrund Von Dr. Maximilian Mandl 6 Min. Lesezeit

Die Mesotheliom-Landkarte Österreichs: was die Bezirkszahlen über Asbest verraten

Mesotheliom-Fälle nach Bezirk, 1990 bis 2011: Die höchsten Raten liegen dort, wo Asbest verarbeitet wurde. Das Burgenland ist erhöht, ohne solche Industrie.

Das Mesotheliom ist die Signaturerkrankung des Asbests: ein Tumor des Brust- oder Bauchfells, der weit überwiegend auf eine zurückliegende Asbestexposition zurückgeht (mehr dazu: → Asbest und Gesundheit). Weil zwischen Belastung und Erkrankung Jahrzehnte liegen, zeichnen die Krankheitszahlen von heute die Asbestnutzung von gestern nach. Wir werten hier die Mesotheliom-Fälle der Jahre 1990 bis 2011 nach Bezirk aus (Daten: Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister). Die Landkarte, die dabei entsteht, ist eindeutig, an einer Stelle aber überraschend.

Die steigende Kurve

Österreichweit wurden zwischen 1990 und 2011 insgesamt 1.664 Mesotheliome registriert. Die jährliche Fallzahl hat sich über den Zeitraum mehr als verdoppelt: von 45 Fällen im Jahr 1990 auf 108 in den Jahren 2009 und 2010. Dieser Anstieg ist kein Widerspruch zum Asbestverbot, sondern seine Folge mit Verzögerung: Asbest wurde in Österreich bis 1990 in großen Mengen verarbeitet, die Erkrankungen treten erst Jahrzehnte später auf. Die Kurve steigt also noch, während die Ursache längst zurückliegt (Statistik Austria; vgl. AUVA und arbeitsmedizinische Literatur).

Die höchsten Raten: wo Asbest verarbeitet wurde

Rechnet man die Fälle auf die Einwohnerzahl um (Fälle je 10.000 Einwohner im Zeitraum 1990 bis 2011), liegt der österreichische Schnitt bei rund 2,1. Zwei Bezirke ragen weit heraus, und beide haben denselben Grund:

  • Sankt Veit an der Glan (Kärnten): 63 Fälle, Rate 10,8, also etwa das Fünffache des Schnitts. Im Görtschitztal, am Standort des heutigen Wietersdorfer Zementwerks, wurde bis 1977 Asbest verarbeitet; zahlreiche Menschen erkrankten an Lungenkrebs, und auch das Mesotheliom zählt zu den Spätfolgen einer Asbestbelastung (ORF Kärnten).
  • Vöcklabruck (Oberösterreich): 97 Fälle, Rate 7,7, also fast das Vierfache. Hier steht das Eternit-Werk, in dem Ludwig Hatschek den Asbestzement erfand und über Jahrzehnte produzierte (→ Eternit: die Geschichte).

Das ist das erwartbare Muster dort, wo Asbest industriell verarbeitet wurde: Rund um diese Standorte, vor allem unter den Beschäftigten, häufen sich die Erkrankungen.

Das Burgenland: erhöht ohne diese Industrie

Auffällig sind die nächsten Ränge. Im Südburgenland liegen die Raten deutlich über dem Schnitt:

  • Oberwart: 25 Fälle, Rate 4,7, rund das Doppelte des österreichischen Schnitts.
  • Oberpullendorf: 17 Fälle, Rate 4,5, ebenfalls rund das Doppelte.

Diese beiden Bezirke rangieren damit direkt hinter den klassischen Asbest-Industriestandorten, obwohl es im Burgenland kein Asbestzementwerk und keine vergleichbare verarbeitende Industrie gab. Eine naheliegende lokale Erklärung wie in Vöcklabruck oder Sankt Veit fehlt also, und die Zahlen allein sagen nicht, woher die Erhöhung rührt.

Was die Zahlen sagen und was nicht

Vor jeder Deutung stehen die Grenzen dieser Auswertung. Erstens beruhen die Bezirksraten auf teils kleinen Fallzahlen; je kleiner der Bezirk, desto stärker schwankt die Rate zufällig. Der Bezirk Rust etwa erreicht mit einem einzigen Fall bei rund 1.700 Einwohnern rechnerisch einen hohen Wert, der statistisch nichts bedeutet. Oberwart (25 Fälle) und Oberpullendorf (17 Fälle) sind robuster, aber ebenfalls keine großen Zahlen. Zweitens enden die Daten 2011; die dort gezählten Erkrankungen gehen nach der langen Latenzzeit auf Belastungen der 1970er- bis 1990er-Jahre zurück, nicht auf jüngste Ereignisse. Drittens ist eine Bezirksrate eine ökologische Kennzahl: Sie sagt nichts darüber aus, wo und wie sich die einzelnen Erkrankten exponiert haben. Eine erhöhte Rate beweist keine bestimmte Ursache.

Die erhöhten burgenländischen Raten lassen daher mehrere Erklärungen zu. Sie können berufliche Expositionen widerspiegeln: Das Burgenland war über Jahrzehnte ein ausgeprägtes Auspendlerland (AK Burgenland); viele Beschäftigte arbeiteten in der Industrie außerhalb des Landes, vor allem in Wien und Niederösterreich, wo Asbest bis 1990 in großen Mengen verarbeitet wurde. Sie können auf häusliche oder handwerkliche Belastungen zurückgehen: In einer landwirtschaftlich geprägten Region waren Asbestzementplatten auf Stall- und Wirtschaftsgebäuden weit verbreitet, und beim Verbauen, Sanieren oder Abtragen solcher Platten wurden Fasern frei (→ Asbest erkennen). Und sie sind mit einem Beitrag aus der Umwelt vereinbar, ohne ihn zu beweisen. Diese dritte Möglichkeit sehen wir uns genauer an, nicht weil sie die wahrscheinlichste wäre, sondern weil sie als einzige spezifisch für das Burgenland ist und sich vor Ort prüfen lässt.

Die geologische Spur und der Verbauungsweg

Eine Grundlage hat die Umwelt-Spur durchaus: Das Südburgenland liegt im Bereich des Rechnitzer Fensters, dessen Serpentinit-Gesteine geologisch Asbest führen können (→ Serpentinit, Asbest und die Geologie des Rechnitzer Fensters). Aus mehreren dieser Brüche wurde Schotter gewonnen und großflächig verbaut, ein Vorgang, der seit 2026 als Asbest-Skandal aufgearbeitet wird (→ Asbest im Burgenland). Anders als bei Eternit oder Wietersdorf gelangt der Asbest hier nicht über den Arbeitsplatz in die Lunge, sondern über naturbelassenes Gestein in der Fläche.

Damit ist nichts bewiesen. Anders als die berufliche und die häusliche Erklärung kann die Umwelt-Spur aber auf einen früh dokumentierten lokalen Befund verweisen: Dass im Südburgenland Asbest über die Umwelt bis in die nicht-berufliche Bevölkerung gelangte, wurde schon in den 1970er-Jahren medizinisch festgehalten (→ Die Vorgeschichte). Zur erwiesenen Ursache der erhöhten Bezirksraten macht sie das nicht: Der Befund belegt eine zurückliegende Exposition, nicht das Mesotheliom, und er betraf einzelne Orte, nicht ganze Bezirke. Hinzu kommt die zeitliche Logik: In den Zahlen bis 2011 kann sich nur eine Belastung zeigen, die lange vorher begann, nicht der erst seit 2026 aufgearbeitete Skandal. Ob und wie stark die Umwelt zu den erhöhten Raten beiträgt, bleibt offen. Was die Landkarte leistet, ist bescheidener und zugleich deutlich: Sie zeigt, dass das Mesotheliom in Österreich dort gehäuft auftritt, wo Asbest war, und sie markiert das Südburgenland als eine Region, in der erhöhte Krankheitszahlen, eine asbestführende Geologie und ein dokumentierter Verbauungsweg räumlich zusammentreffen. Das ist kein Beweis, aber ein Grund, genauer hinzusehen.

Quellen

  • Statistik Austria, Österreichisches Krebsregister: Mesotheliom (ICD-10 C45), Fälle nach Jahr und nach politischem Bezirk, 1990 bis 2011 (1.664 Fälle gesamt; Bezirksraten je 10.000 Einwohner, Bevölkerungsstand 1.1.2002). Das Krebsregister wird auf gesetzlicher Grundlage von Statistik Austria geführt; die bezirksweise Aufschlüsselung einzelner Diagnosen ist nicht Teil der Standardpublikation, sondern über die Registerdatenbank (STATcube) bzw. auf Anfrage zugänglich: statistik.at
  • ORF Kärnten, „Suche nach Asbestaltlasten" (laut ORF wurde im Görtschitztal bis 1977 Asbest verarbeitet, zahlreiche Menschen erkrankten an Lungenkrebs, Mesotheliome nennt der Bericht als weitere Spätfolge der Asbestbelastung; verarbeitet wurde der Asbest bei den Wietersdorfer Zementwerken, die in der Gemeinde Klein St. Paul im Bezirk Sankt Veit an der Glan liegen): kaernten.orf.at
  • AUVA, „Asbest": Mesotheliom als asbestbedingte Berufskrankheit, Latenzzeit mehrere Jahrzehnte: auva.at
  • Zur Auspendlerstruktur des Burgenlands (ausgeprägtes Auspendlerland, Hauptziele Wien und Niederösterreich): Arbeiterkammer Burgenland, „Pendeln im Burgenland" (Auswertung auf Basis der Vollerhebung 2019): bgld.arbeiterkammer.at
  • Zur Krankheitslehre und zur Asbest-Mesotheliom-Beziehung siehe Asbest und Gesundheit; zur Geologie Serpentinit, Asbest und die Geologie des Rechnitzer Fensters; zur Causa Asbest im Burgenland.

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