Was im Burgenland 2026 als neuer Skandal verhandelt wird, ist über hundert Jahre alt. Der asbesthaltige Serpentinit des Rechnitzer Fensters wurde dokumentiert, abgebaut, als Rohstoff vermarktet, medizinisch untersucht und vor Gericht verhandelt, lange bevor das erste Greenpeace-Probenröhrchen gefüllt war. An fast jedem Punkt dieser Geschichte lag das Wissen vor. An fast jedem Punkt führte es nicht zu durchgreifendem Handeln.
Dass dieser Landstrich asbesthaltiges Gestein enthält, ist geologisch erwartbar (die Mineralogie des Serpentinits erklären wir auf der Übersichtsseite). Der Geologe Friedrich Koller von der Universität Wien bringt es gegenüber Falter auf den Punkt: „Asbest bildet sich in den Klüften. In manchen Steinbrüchen, wie in Badersdorf, sind Asbestadern häufiger als in anderen Serpentinit-Steinbrüchen." Die Frage war nie, ob der Asbest da ist. Sondern, was man mit dem Gestein machte.
Der Rohstoff: 1916 bis 1945
Zu Beginn war der Rechnitzer Asbest kein Beiprodukt, sondern das Produkt. Zwischen 1916 und 1945 wurde er in der Rechnitz-Bernstein-Region industriell als Rohstoff abgebaut. Eine eigene AMIANT-Aktiengesellschaft betrieb die Gewinnung; erste geologische Gutachten liegen mit C. Doelter („Die Asbest- und Talklagerstätten in Rechnitz", 1922) und O. Ampferer (Gutachten über das Asbestvorkommen der AMIANT-AG bei Rechnitz, 1926) vor.
Wie reich die Lagerstätte galt, hielt 1928 ausgerechnet die Vermarktungsliteratur selbst fest: H. Rosenberg, Gesellschafter der Mikro-Asbest-Firma Bernfeld & Rosenberg, bezifferte den Asbestgehalt der Gesteinsmasse im Berg- und Hüttenmännischen Jahrbuch mit im Durchschnitt über 50 Prozent (Untergrenze rund 25, Obergrenze rund 80 Prozent). Es ist eine Größenordnung, die der heutigen bruchspezifischen Spannweite des Landwirtschaftsministeriums (2 bis 100 Prozent) entspricht. „Mikro-Asbest" aus dem Burgenland wurde nach diesen Quellen ab etwa 1935 zollfrei nach Deutschland geliefert und ausdrücklich als Straßenbau- und Asphalt-Füllstoff vermarktet; Asbestmehl fand 1933 sogar Eingang in die DIN-Vorschriften für Walzasphaltdecken.
Die Reichweite dieses Handels ist kartografisch belegt.
In der NS-Kriegswirtschaft wurde das Vorkommen reichsweit interessant: 1938 berichtete H. Eggenberger über die „Nachforschungen nach Asbestlagerstätten in Österreich" durch die Deutsche Asbestzement-A.G. in Berlin-Rudow und die Eternit-Werke Ludwig Hatschek in Vöcklabruck. Diese Prospektion verband das Rechnitzer Vorkommen mit der Vöcklabrucker Eternit-Verarbeitung, also mit genau jenem Bezirk, der heute auf der österreichischen Mesotheliom-Karte mit an der Spitze steht. 1943 folgten kriegswirtschaftliche Berichte zum Serpentinstock von Bernstein. Mit Kriegsende endete der Rohstoffabbau, nicht aber der Asbest im Gestein.
Die Warnung: Rechnitz, 1965 bis in die 1980er-Jahre
Die erste medizinische Warnung kam aus der Bevölkerung selbst. 1965 wurde der Rechnitzer Maurer B. J. mit einer schweren Lungenerkrankung in die Lungenheilanstalt am Hirschenstein eingeliefert. Auf den Röntgenbildern fanden die Ärzte mäandernde Verkalkungen des Rippenfells, sogenannte Pleuraplaques, eine Anomalie, die fast ausschließlich bei Menschen auftritt, die Asbestfasern eingeatmet haben. Der Maurer hatte nie in einer der Asbestgruben gearbeitet.
Beim Durchsehen weiterer Akten der Heilanstalt fanden die Mediziner 24 weitere Röntgenbilder mit identen Pleuraplaques, alle bei Patienten aus Rechnitz, 18 davon ohne jeden beruflichen Asbestkontakt. Das Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz entsandte daraufhin in den frühen 1970er-Jahren Ärzte und Wissenschaftler. Eine groß angelegte Studie untersuchte die Bevölkerung in drei Tranchen im Abstand von je zwei Jahren. Das Ergebnis war eindeutig: Bei rund 10 Prozent von 300 untersuchten Rechnitzern zeigten sich die asbesttypischen Verkalkungen. In einer Kontrollgruppe von 600 Personen aus anderen Burgenland-Gemeinden: niemand. Bei einer 68-jährigen Pensionistin, Hausfrau und Weingartenarbeiterin, niemals in einer Mine tätig, wurde eine fortgeschrittene Asbestose diagnostiziert.
Parallel suchten Forscherinnen und Forscher der Universität für Bodenkultur Wien nach der Quelle. Sie analysierten den Boden der Weingärten, das Wasser der Hausbrunnen, den Staub von Hausdächern. Überall fanden sie Asbest. Am 15. April 1979 maßen sie 3.350 Asbestfasern pro Kubikmeter in der freien Atemluft von Rechnitz, nicht an einem Arbeitsplatz, sondern im Wohngebiet. Im Forschungsbericht aus den frühen 1980er-Jahren hielten die Autoren fest, woher die Belastung kam: aus der natürlichen Verwitterung des steinigen Bodens und daraus, dass die Rechnitzer Straßen „zum Teil mit asbesthältigem Gestein" geschottert worden seien; der Reifenabrieb habe die Fasern in die Luft befördert. Auch asbesthaltiger Bausand sei verbaut worden.
Es ist exakt die Konstellation von 2026: natürliches Asbest aus dem Rechnitzer Fenster, freigesetzt durch Verwitterung und durch geschotterte Straßen, mit messbaren Folgen für die nicht-beruflich exponierte Wohnbevölkerung. Falter-Redakteur Matthias Winterer fasst es 2026 so zusammen: „Von der Gefahr weiß man jedenfalls schon lange. Aber statt die Ergebnisse der Rechnitz-Studie näher zu studieren, blieben sie im Burgenland unbeachtet. Sie hätten eine Warnung sein können." Eine Falter-Sandanalyse aus dem Steinbruch Pilgersdorf ergab 2026 einen Asbestanteil von 8,86 Prozent, fast das Hundertfache des Schwellenwerts von 0,1 Prozent, ab dem asbesthaltiges Material in Österreich als gefährlicher Abfall gilt.
Das Wegschauen: 1990 bis 2011
1990 verbot Österreich Asbest. Das Verbot griff jedoch nur für absichtlich zugesetzten Asbest; die natürlich im Gestein vorkommenden Fasern fielen nicht darunter, und genau in diese Lücke fiel der Serpentinit-Schotter. Die folgenden zwei Jahrzehnte sind eine Kette aus Befund und Nichthandeln.
1994 identifizierte die ZFE Graz im Steinbruch Bernstein Chrysotil und Aktinolith, stufte das Material als „schwach gebundenen Asbest" ein und warnte vor „erhöhtem Gesundheitsrisiko" bei Handhabung und Transport. 1995 schrieb das Umweltministerium an die Bezirkshauptmannschaft Oberwart, in Bernstein sei ein Asbestanteil von mehr als 0,1 Prozent festgestellt worden; es liege „nicht nur eine Expositionsgefahr für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Verwender dieses Schotters" vor. Eine Schließung wurde erwogen, aber nicht umgesetzt. Stattdessen kam im selben Jahr ein Gegengutachten der Österreichischen Staubbekämpfungsstelle zum Schluss, das Gestein sei „nicht asbesthaltig". Auf dieses 30 Jahre alte Papier beruft sich das Arbeitsinspektorat Burgenland laut Falter bis heute; eigene Messungen veranlasste es nicht. Sein stellvertretender Leiter Andreas Drivodelits im Falter: „Das Gestein ist ja dasselbe geblieben wie damals. Warum hätten wir es noch einmal überprüfen sollen?" Dass das Gestein dasselbe ist, trägt diese Schlussfolgerung allerdings nicht: Asbest sitzt im Serpentinit kleinräumig in den Klüften, eine einzelne Negativprobe kann ein so heterogenes Gestein nicht freisprechen, und das gegenteilige Ergebnis der ZFE Graz wie der Ministeriumsbrief desselben Jahres wurden mit dem Gegengutachten nie abgeglichen. Falter nennt es „einen Passierschein zu 30 Jahre langem Wegschauen".
1999 kam das Thema vor den Verwaltungsgerichtshof. Nachbarn hatten gegen die Baubewilligung für eine Asphaltmischanlage in Tauchental Einwendungen erhoben: Das verarbeitete Vormaterial stamme aus einem Serpentinit-Steinbruch und sei asbesthaltig, die Emissionen der freigesetzten Fasern seien nie ermittelt worden. Der Gerichtshof gab ihnen recht und hob den Bescheid wegen Verfahrensmängeln auf; die Behörde hätte sich mit dem Asbest-Einwand auseinandersetzen und die Schadstoffemissionen ermitteln müssen (Zl. 98/05/0044). Eine flächendeckende Konsequenz für die Steinbrüche zog auch dieses Urteil nicht nach sich. 2006 erreichte eine geologische Studie zu Asbestgehalten im Rechnitzer Fenster die Behörden und blieb folgenlos. 2008 erließ der zuständige Minister einen Rückrufbescheid für 25-Kilogramm-Säcke Winter-Streusplitt aus dem Steinbruch Postmann (Rumpersdorf), punktuell, der Abbau ging weiter. 2011 schließlich zeigte das UVP-Verfahren zum Steinbruch Pilgersdorf, wie weit die Lücke trägt: Es sei „eine hohe Konzentration von Asbestfasern in der Luft gemessen worden", ein medizinisches Gutachten warnte, „eine Gefährdung durch Asbest könne nicht ausgeschlossen werden". Der Berufung des Betreibers gegen Auflagen wurde dennoch stattgegeben, mit der Begründung, in einem Landschaftsschutzgebiet sei „rechtlich nur der Schutz des Landschaftsbildes relevant". Die Gesundheitsgefährdung konnte juristisch gar nicht geprüft werden.
Was übrig blieb
Die Folgen sind statistisch sichtbar. Österreich verwendete zwischen 1947 und 1990 rund 870.000 Tonnen Asbest (Umweltbundesamt); 2022 starben laut Arbeitsinspektion 69 Menschen an Berufskrankheiten, hauptsächlich durch Asbest- und Quarzstaub. Auf der Mesotheliom-Bezirksverteilung führen St. Veit an der Glan und Vöcklabruck (Eternit-Hatschek-Hauptsitz); dahinter folgen Oberwart und Oberpullendorf, also genau die zwei Bezirke der 2026 gesperrten Brüche.
Dass das Branchenwissen alt ist, bestätigt die Industrie selbst. Die steirische Firma Scherf antwortete im Mai 2026 auf eine Privatanfrage: „Wir wissen schon seit einigen Jahrzehnten, dass Asbest in Steinbrüchen mit bestimmten Hauptmineralien vorkommen kann (zB Serpentinit Steinbrüche im Burgenland) und haben uns damals schon dazu entschieden, kein Material von potentiell asbestbelasteten Betrieben einzukaufen." Ein Mitarbeiter, dessen Identität Falter schützt, fasst die Innensicht zusammen: „Bei der alljährlichen Kontrolle der Steinbrüche war Asbest ein Tabuthema. Alle haben es gewusst, aber gesagt hat niemand was. Und gemessen ist auch nie worden."
Am 2. Januar 2026 wurden die vier Steinbrüche Pilgersdorf, Bernstein, Postmann (Rumpersdorf / Glashütten bei Schlaining) und Badersdorf behördlich gesperrt. Was danach geschah, die Messungen, die Funde, die Briefe, die Eskalation bis nach Westungarn, dokumentieren wir laufend auf der Übersichtsseite zum Burgenland-Asbest. Die Vorgeschichte zeigt: Neu ist nicht der Asbest und nicht das Wissen darüber. Neu sind die Aufmerksamkeit, die aktuellen Messungen und die grenzüberschreitende Dimension.
Quellen
- Falter 13/2026, Recherche von Eva Klatzer und Matthias Winterer.
- Falter-Maily vom 10. April 2026, „Asbest: Die Lungenkranken von Rechnitz", von Matthias Winterer: falter.at/maily/20260410/die-lungenkranken-von-rechnitz. Winterer zitiert darin den Forschungsbericht der Studie des Bundesministeriums für Gesundheit und Umweltschutz (frühe 1980er-Jahre).
- Berichte der Geologischen Bundesanstalt, Band 73 (Bibliographie zu Doelter 1922, Ampferer 1926, Eggenberger 1938, Leitmeier 1943).
- H. Rosenberg, Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch Bd. 76 (1928).
- Burgenland-Atlas 1941, Karte 3 (Bodo / Winkler-Hermaden), David Rumsey Map Collection, Stanford Libraries (List No 14534.029).
- Umweltbundesamt (via Falter 13/2026): rund 870.000 Tonnen Asbest in Österreich verwendet, 1947 bis 1990.
- Parlamentarische Anfragebeantwortungen 4053/AB-BR/2026 (Schumann) und 4055/AB-BR/2026 (Totschnig).
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