Frisch saniert oder neu gebaut, und es riecht: nach Farbe, nach Kleber, nach „neu". Dahinter stecken meist VOC, flüchtige organische Verbindungen, die aus frischen Baumaterialien ausgasen. Anders als die klassischen Altbauschadstoffe sind VOC kein Erbe vergangener Jahrzehnte, sie entstehen genau dann, wenn renoviert oder neu gebaut wird. Meist ist der Geruch unangenehm, aber vorübergehend, und er verschwindet mit der Zeit. Manchmal nicht.
VOC umfassen Hunderte Substanzen, darunter Formaldehyd, Toluol, Xylol, Styrol oder Limonen. Sie gasen aus Farben, Lacken, Klebstoffen, Bodenbelägen, Möbeln und Dichtmassen aus.
Woher VOC kommen
- Farben und Lacke: auch als „lösemittelarm" ausgewiesene Produkte gasen in den ersten Wochen messbar aus.
- Bodenbeläge und Kleber: Vinyl, Laminat, Parkettkleber und Versiegelungen.
- Möbel: Span- und MDF-Platten sind die Hauptquelle für Formaldehyd.
- Dämmstoffe und Montageschäume: etwa PU-Schäume.
- Silikone und Fugenmassen: frische Silikone setzen beim Aushärten Essigsäure (der typische Essiggeruch) oder Oxime frei.
Viele VOC nehmen in den ersten Wochen deutlich ab. Andere Quellen, allen voran Formaldehyd aus Holzwerkstoffen, gasen über Monate bis Jahre weiter, weil der Stoff laufend aus dem Bindemittel der Platten nachgebildet wird (WECOBIS).
Wann VOC ein Problem sind
Nicht jeder Geruch ist gefährlich. Ernst nehmen sollte man aber anhaltende Beschwerden nach einer Sanierung: Kopfschmerzen, Schwindel, gereizte Schleimhäute, Übelkeit oder Konzentrationsprobleme (UBA).
Die kritischste Einzelsubstanz ist Formaldehyd. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC/WHO) stuft es als für den Menschen krebserzeugend ein (Gruppe 1), auf Basis von Nasenrachenkrebs und Leukämie (IARC 2012). Diese Einstufung beschreibt die Gefährlichkeit des Stoffes, nicht das Risiko im konkreten Raum: Als Innenraum-Richtwert gilt 0,1 mg/m³ (100 µg/m³) als Halbstundenmittelwert, von der WHO abgeleitet und 2016 vom deutschen Ausschuss für Innenraumrichtwerte übernommen (WHO 2010; AIR 2016); er ist so streng an der Schleimhautreizung gesetzt, dass er zugleich vor den Langzeitwirkungen einschließlich Krebs schützt und einen Sicherheitsabstand enthält. Übliche Wohnungen liegen darunter, ein vorübergehender Neubaugeruch ist deshalb kein Krebsurteil. Ernst wird es dort, wo eine starke Quelle dauerhaft nachliefert. Für Säuglinge, kleine Kinder und Schwangere wiegen Reizwirkung und Krebsrisiko schwerer; gerade bei einem Kinderzimmer in einem Neubau oder frisch sanierten Raum lohnt es sich, die Belastung vor dem Einzug zu senken und im Zweifel zu messen. Warum Formaldehyd als eindeutig krebserzeugend gilt und wo die Einstufung strittig war, ordnet das erste Fold-out ein.
Für Experten, oder die, die es werden wollen: Warum Formaldehyd Gruppe 1 ist, die zwei Krebsarten und der Richtwert
Formaldehyd ist ein reaktives Gas, das schon an der Kontaktstelle wirkt. Der ältere und festere Teil der Krebseinstufung ist der Nasenrachenkrebs: Für das Nasopharynxkarzinom sah die IARC bereits 2006 ausreichende Evidenz beim Menschen, aus Kohorten beruflich exponierter Beschäftigter, und stufte Formaldehyd auf dieser Grundlage als Gruppe 1 ein (IARC 2006). Der Wirkort passt zur Chemie: Das reaktive Gas trifft zuerst die Schleimhaut des oberen Atemwegs.
Der zweite, länger umstrittene Teil ist die Leukämie. Umstritten ist er gerade wegen dieser Chemie: Ein Gas, das schon an der Kontaktstelle rasch abreagiert, erreicht das entfernte Knochenmark, wo die vor allem myeloischen Leukämien entstehen, kaum unverändert, was einen einfachen Wirkmechanismus schwer erklärbar macht. 2006 galt die Evidenz für Leukämie als „stark, aber nicht ausreichend"; in der Neubewertung 2012 kam die IARC zu dem Schluss, dass Formaldehyd auch Leukämie verursacht, gestützt vor allem auf die Kohorte der US-amerikanischen Formaldehyd-Industrie und chinesische Studien (IARC 2012). Diese zweite Einstufung war die knappere und in der Arbeitsgruppe diskutierte; für den praktischen Umgang bei den niedrigen Konzentrationen eines Innenraums ist sie nachrangig, weil der Richtwert ohnehin an der weit empfindlicheren Schleimhautreizung ansetzt.
Genau daran hängt der Richtwert von 0,1 mg/m³ im Halbstundenmittel. Die WHO leitet ihn aus der sensorischen Reizschwelle ab: Ein Wert, der die Reizung der Schleimhäute in der Allgemeinbevölkerung verhindert, verhindert nach ihrer Bewertung zugleich die Langzeitwirkungen einschließlich Krebs (WHO 2010). Der deutsche Ausschuss für Innenraumrichtwerte übernahm 2016 denselben Wert, der auch kurzzeitig über 30 Minuten nicht überschritten werden soll (AIR 2016). Weil der Wert an der empfindlichsten Wirkung ansetzt, ist er streng: Er ist kein Schwellenwert für Krebs, sondern ein vorsorglicher Reizschutz, der den Krebsschutz mit abdeckt.
Wie hoch die Belastung ist: der TVOC-Wert und seine Grenzen
Für die Summe aller flüchtigen Verbindungen dient der TVOC-Wert als Orientierung, nicht als Gesundheitsgrenzwert. Grob gilt: Bis etwa 0,3 mg/m³ ist die Luft hygienisch unbedenklich, ein Wert von 1 mg/m³ sollte auf Dauer nicht überschritten werden, und ab etwa 3 mg/m³ besteht Handlungsbedarf (UBA; Seifert 1999). Entscheidend ist die Einordnung: Der TVOC-Wert fasst chemisch sehr verschiedene Stoffe zu einer Summe zusammen und ist nicht toxikologisch begründet. Für einzelne Stoffe wie Formaldehyd gelten daher eigene, gesundheitlich begründete Richtwerte, die der Summenbewertung vorgehen. In Österreich gibt es keinen verbindlichen gesetzlichen Grenzwert für VOC in Wohnräumen, in Deutschland ebenso wenig. Den österreichischen Bewertungsrahmen bildet die Richtlinie zur Bewertung der Innenraumluft, die der Arbeitskreis Innenraumluft im zuständigen Bundesministerium unter Mitarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erarbeitet; sie enthält Richtwerte für Einzelstoffe wie Formaldehyd und einen eigenen Teil zum VOC-Summenparameter (BMLUK). Daneben werden die Richtwerte des deutschen Ausschusses für Innenraumrichtwerte und der WHO herangezogen. Wie die Summenbewertung im Detail aufgebaut ist und was sich an der Regulierung ändert, steht im Fold-out.
Für Experten, oder die, die es werden wollen: Das TVOC-Konzept, die fünf Hygienestufen und die neue EU-Emissionsgrenze
Der TVOC-Wert (total volatile organic compounds) ist die Summe der flüchtigen organischen Verbindungen in der Raumluft über einen definierten Siedebereich. Das deutsche Bewertungskonzept ordnet ihn fünf Hygienestufen zu (Seifert 1999): Stufe 1 bis 0,3 mg/m³ (hygienisch unbedenklich, Zielwert), Stufe 2 über 0,3 bis 1 (noch unbedenklich, sofern kein Einzelstoff seinen Richtwert überschreitet), Stufe 3 über 1 bis 3 (auffällig, Dauernutzung nur befristet vertretbar), Stufe 4 über 3 bis 10 (bedenklich, nur kurzfristige Nutzung) und Stufe 5 über 10 (inakzeptabel). Der Wert ist ausdrücklich kein toxikologisch abgeleiteter Grenzwert, sondern eine hygienische Orientierung; überschreitet ein einzelner Stoff seinen eigenen Richtwert, geht diese Einzelbewertung der Summe immer vor.
Zu unterscheiden davon ist die Emission aus dem Produkt. Emissionsarme Bauprodukte werden im Prüfkammerverfahren nach dem Schema des Ausschusses zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB) beurteilt; darauf bauen die Gütezeichen auf, an denen man solche Produkte erkennt: EMICODE EC1 und EC1PLUS der GEV, der Blaue Engel und natureplus. Neu hinzu kommt eine europaweit verbindliche Emissionsgrenze für Formaldehyd aus Erzeugnissen: Die REACH-Verordnung (Anhang XVII, Eintrag 77, eingefügt durch die Verordnung (EU) 2023/1464) begrenzt die Formaldehydabgabe im Prüfkammertest auf 0,062 mg/m³ für Möbel und Holzwerkstoffe und 0,080 mg/m³ für andere Erzeugnisse; sie gilt seit dem 6. August 2026. Das ist eine Grenze für die Abgabe aus dem Produkt, gemessen in der Kammer, nicht ein Grenzwert für die Konzentration in der Raumluft; beide Größen dürfen nicht verwechselt werden.
Wie man VOC feststellt
Bei anhaltenden Beschwerden gibt eine Raumluftmessung Aufschluss. Ein akkreditiertes Labor schlüsselt die Einzelsubstanzen mit ihren Konzentrationen auf und bildet die TVOC-Summe; Formaldehyd wird gesondert bestimmt und an seinem eigenen Richtwert beurteilt. Ein niedriger TVOC-Wert schließt eine Formaldehydbelastung deshalb nicht aus. Aus dem Gesamtprofil lässt sich die Quelle oft eingrenzen, sodass gezielt gehandelt werden kann, statt alles auszutauschen.
Was zu tun ist
- Intensiv lüften: In den ersten Wochen nach einer Sanierung ist Stoßlüften, mehrmals täglich für einige Minuten, die wirksamste Sofortmaßnahme. Vor dem Einzug in einen Neubau hilft es, einige Wochen zu heizen und zu lüften, weil höhere Temperatur die Ausgasung beschleunigt. Das räumt die vorübergehenden Lösemittel-VOC rasch aus.
- Dauerquellen erkennen: Lüften beendet nicht, was laufend nachgebildet wird. Formaldehyd aus Span- und MDF-Platten gast über Monate bis Jahre weiter; hier hilft nicht das Auslüften, sondern die Materialwahl oder der Austausch der Quelle, gerade in einem Kinderzimmer.
- Quelle eingrenzen: Lassen die Beschwerden nach Wochen nicht nach, grenzt eine Raumluftmessung die Quelle ein.
- Materialwahl: Bei künftigen Arbeiten gasen emissionsarme Produkte deutlich weniger aus, erkennbar an Siegeln wie EMICODE EC1, dem Blauen Engel oder natureplus.
Bei VOC stammt die Belastung anders als bei den Altlasten nicht aus dem alten Bestand, sondern aus dem frisch Verbauten. Welche Schadstoffe in welchem Baualter zu erwarten sind, fasst unser Überblick nach Baujahr zusammen; unter altem Parkett wartet dagegen oft PAK-haltiger Kleber.
Quellen
- AIR (2016): Ausschuss für Innenraumrichtwerte (Deutschland), Richtwert für Formaldehyd in der Innenraumluft: 0,1 mg/m³ (100 µg/m³), auch kurzzeitig über 30 Minuten nicht zu überschreiten, im Einklang mit der WHO. umweltbundesamt.de
- BMLUK (Arbeitskreis Innenraumluft): Richtlinie zur Bewertung der Innenraumluft. Arbeitskreis Innenraumluft im zuständigen Bundesministerium (heute BMLUK) unter Mitarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Richtwerte u. a. für Formaldehyd und den VOC-Summenparameter. bmluk.gv.at
- IARC (2006): Formaldehyde, 2-Butoxyethanol and 1-tert-Butoxypropan-2-ol. IARC Monographs, Vol. 88. Erste Einstufung von Formaldehyd als Gruppe 1 auf Basis des Nasenrachenkrebses. publications.iarc.fr
- IARC (2012): Formaldehyde. In: Chemical Agents and Related Occupations, IARC Monographs, Vol. 100F. Bestätigung Gruppe 1 (Nasenrachenkrebs) und Einstufung als Ursache von Leukämie. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK304432
- Seifert (1999): B. Seifert, Richtwerte für die Innenraumluft: die Beurteilung der Innenraumluftqualität mit Hilfe der Summe der flüchtigen organischen Verbindungen (TVOC-Wert). Bundesgesundheitsblatt 42:270 bis 278; fünf Hygienestufen, TVOC als Orientierungs- und kein Gesundheitswert. umweltbundesamt.de
- UBA: Umweltbundesamt (Deutschland), Innenraumluft: flüchtige organische Verbindungen (VOC) und TVOC-Bewertung, Symptome und empfindliche Personengruppen. umweltbundesamt.de
- Verordnung (EU) 2023/1464: Änderung des Anhangs XVII der REACH-Verordnung, Eintrag 77 (Formaldehyd). Emissionsgrenze im Prüfkammertest 0,062 mg/m³ (Möbel und Holzwerkstoffe) bzw. 0,080 mg/m³ (andere Erzeugnisse), anwendbar seit 6. August 2026. eur-lex.europa.eu
- WHO (2010): WHO Guidelines for Indoor Air Quality: Selected Pollutants. World Health Organization, Genf. Formaldehyd-Kurzzeitrichtwert 0,1 mg/m³ (30 Minuten) zum Schutz vor sensorischer Reizung, der zugleich vor Langzeitwirkungen einschließlich Krebs schützt. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK138711
- WECOBIS: Ökologisches Baustoffinformationssystem (BMWSB/BAK), VOC und Formaldehyd aus Holz und Holzwerkstoffen; anhaltende Formaldehydabgabe aus dem Bindemittel über Jahre. wecobis.de
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